In Deutschland geht gerade die Angst um, und zwar jene ganz spezielle, die in Sicherheitsbehörden entsteht, wenn jemand einfach die falschen Kabel durchtrennt. Konkret sucht die Polizei mit allem, was der Föderalismus hergibt, einen 48-jährigen Mann, der Strommasten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen beschädigt haben soll. Das sind, man ahnt es schon, exakt jene Bundesländer, in denen noch Braunkohle aus der Erde gebaggert und in die Steckdose gewürgt wird. Ein Zufall, den sicher niemand bemerkt hat.
Innenminister Alexander Dobrindt hat das Ganze inzwischen als Klimaterrorismus eingeordnet, also jene neue, sehr bequeme Wortschöpfung, die alles bedeuten kann und nichts beweisen muss. Wer ein freistehendes Kabel anbrabbelt, ist Terrorist. Wer eine freistehende Meinung vertritt, ist Verdächtiger. Wer eine freistehende Windkraftanlage baut, ist Komplize. Die Begriffspflege übernimmt traditionell der Innenminister, die Logik übernimmt traditionell niemand.
Dass die Polizei Köln die Fahndung leitet, ist natürlich kein Hinweis auf einen Kölner Tatort, sondern schlicht ein Ergebnis davon, wie das deutsche Behörden-Lego funktioniert. Die zuständige Stelle ist immer jene, die gerade einen Kaffeeautomaten mit Kapazitätsreserven hat. Köln hat. Also Köln. Brandenburg hat derweil die Umrisse eines Phantoms zu bieten, Sachsen ein mulmiges Gefühl, und NRW die Wupper, die, soviel ist sicher, auch in Mitleidenschaft gezogen worden wäre, hätte jemand sie angefasst.
Was die Bevölkerung davon hat, ist ein Hochdruckeinsatz, wie ihn die Polizei nennt. Hochdruck ist ein schönes Wort, es klingt nach Presslufthammer, nach Action, nach Ermittlung im Zeitraffer. In Wahrheit bedeutet Hochdruck vor allem, dass sehr viele Streifenwagen sehr langsam über sehr viele Autobahnen fahren und dabei sehr viele Kaffeebecher leeren. Der gesuchte 48-Jährige könnte längst in einem Schrebergarten sitzen und Radieschen züchten. Das passt zum Profil, schadet niemandem und ist klimaneutral.
In Berlin sitzt man derweil im Innenausschuss und stellt die drängenden Fragen der Zeit. Darf man Braunkohle noch Braunkohle nennen, wenn sie politisch korrekt als klimaneutraler Heimatsstrom deklariert wurde? Ist die Beschädigung einer Stromleitung Terrorismus, oder nur eine sehr ehrliche Meinungsäußerung zur deutschen Energiepolitik? Und vor allem: Darf der gesuchte Mann auch in Bayern gesucht werden, oder gibt es dort andere, wichtigere Verdächtige, etwa den letzten Vernünftigen, der die Polizeireform verstanden hat?
Die eigentliche Pointe aber liefert die Geographie. Drei Bundesländer, in denen Braunkohle abgebaut wird, sind gleichzeitig jene, in denen Sabotage am Stromnetz Schlagzeilen macht. Die Schlussfolgerung, dass es sich um gezielte Anti-Kohle-Aktionen handelt, drängt sich förmlich auf, weshalb niemand sie offiziell aussprechen darf. Stattdessen spricht man lieber von Klimaterrorismus, weil Terrorismus immer dann vorliegt, wenn die Zuständigen ihren Aktenkoffer nicht mehr aufkriegen.
So bleibt die Republik in Aufregung, die Kripo in Bewegung und die Braunkohle in Betrieb. Der 48-Jährige bleibt verschwunden, vermutlich weil er irgendwo in Ruhe einen Solardachziegel montiert. Wenn sie ihn finden, wird man ihn verhören, einordnen und pressewirksam präsentieren, vermutlich mit verschämtem Blick auf die eigene Klimate-Bilanz. Und das nächste Bundesland meldet schon jetzt erhöhte Bereitschaft, denn Hochdruck ist in Deutschland keine Ausnahme, sondern ein Lebensstil.