Es gibt Geschichten, die sind so alt, so oft erzählt, so tausendfach variiert, dass man sie eigentlich nicht mehr hören kann. Aber man hört sie trotzdem. Immer wieder. Am liebsten in Schlossräumen, in denen man ohnehin nichts anderes erwartet hätte, und am allerliebsten dann, wenn gerade ein Klavier in der Nähe steht und ein Mann mit sonorer Stimme bereitliegt, um das Publikum daran zu erinnern, dass Liebe früher entweder tragisch war oder gar nicht stattfand.
Diesmal traf sich das traurige Liebespaar aus Verona also in der Eggenberger Allee neunzig. Wobei, ehrlich gesagt, ist es ja praktisch immer dieselbe Adresse, nur die Postleitzahl wechselt. Mal steht eine Bahnhofstraße im Programmheft, mal ein Planetensaal, mal eine schlossähnliche Halle, in der die Akustik so noblen klingt, dass selbst ein falscher Ton noch nach Intention aussieht. Wer hier „Romeo und Julia“ spielt, hat die Lizenz zum Schwärmen, und das Publikum hat die Lizenz zum Schwärmen-Lassen.
Markus Meyer rezitierte Sonette des berühmten Schwans aus dem gleichnamigen englischen Flussgebiet, also Shakespeare, was man sich allerdings merken muss, denn im Programmheft steht erfahrungsgemäß nie „Schwäne“, sondern etwas Würdevolleres. Die Sonette waren, so darf man vermelden, grandiose Sonette, was die ohnehin schon grandiose Gattung der Sonette noch einmal in die Höhe schraubt, bis sie beinahe an die Stuckaturen des Saals stößt. Meyer trug sie ausnehmend gut vor, also genau in der Tonlage, die man für ausnehmend gut hält: andächtig, kontrolliert, mit jener leichten Vibration in der Stimme, die signalisiert, dass gleich Kultur passiert.
Die georgische Pianistin Irma Gigani durfte anschließend das tun, wofür Pianisten bezahlt werden: Dinge weichspülen, die man nicht weichspülen darf. Tschaikowskys Romeo-Ouvertüre, ohnehin schon ein orchestraler Gefühlsausbruch, wurde auf das Klavier transkribiert, wo sie normalerweise klingt, als würde ein Bär das hohe C suchen. Gigani aber spielte mit einer Übersicht, als hätte sie den Saalplan im Kopf, mit einer Ausdauer, die vermuten lässt, dass sie vor dem Konzert keinen Kaffee getrunken hat, und mit einer Brillanz, die den Noten einen neuen Anstrich gab. Das ist die Sorte Brillanz, die im Nachhinein keiner mehr bestreiten kann, weil das Publikum ja schon applaudiert hat.
Dann kam Prokofjew. Zehn Stücke aus dem Ballett, die der Komponist selbst für Klavier eingerichtet hat, vermutlich in einem Anfall von pianistischem Übermut. Harmonisch avancierte Musik, sagen die einen, sperrig sagen die anderen. Gigani nahm dem Sperrigen das Sperrige und der Avanciertheit die Avanciertheit, sodass am Ende eine Musik erklang, die eher selten so klingt, nämlich elegant, flüssig und vor allem so, dass man sich danach klüger fühlt als vorher. Diesen Effekt nennt man, glaube ich, Abendkasse der Selbsterkenntnis.
Zum Schluss, weil man Gäste nicht mit derart konzentrierter Kunst nach Hause entlassen darf, gab es noch Rilke. Ein Liebes-Lied, vorgetragen von demselben Mann, der zuvor Shakespeare ertragen musste, jetzt aber, im Schmuck des deutschen lyrischen Gottes, endlich auf heimischem Terrain wildern durfte. Das Publikum jubelte ausdauernd, was man als Wiener würden als Standing Ovations bezeichnen, in Graz aber als Sitzend-Jubeln, weil man hier den Sessel nicht ohne triftigen Grund verlässt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Romeo und Julia sind nie wirklich tot, sie ziehen lediglich um, von Verona nach St. Petersburg, von St. Petersburg auf die Bühne, von der Bühne ins Programmheft, vom Programmheft in die Erinnerung derjenigen, die an dem Abend etwas begriffen haben wollen.
Und falls demnächst, wie angekündigt, ein Album mit Prokofjew-Sonaten erscheint, weiß die Branche wenigstens schon im September, was sie im November zu schreiben hat. So viel Planbarkeit muss sein, selbst im Reich der tragischen Liebe.