Irgendwo zwischen Heidelberg und Heilbronn liegt ein Ort, an dem die Zeit rückwärts läuft. Hoffenheim hat in der noch jungen Saison ein Verfahren perfektioniert, das in der Wirtschaftsgeschichte als kreative Buchführung bekannt ist: Man führt, man gibt her, man führt wieder, und am Ende steht trotzdem das, was ohnehin alle erwartet haben. Trainer Christian Ilzer, ein Mann, dessen sportliche Vita bisher hauptsächlich aus Graz stammt, wirkt bei diesem Schauspiel weniger wie ein Coach und mehr wie ein Leiter einer Behörde für geplante Niederlagen. Man könnte meinen, er trägt das Unglück im Aktenkoffer mit und verteilt es im Minutentakt.
Das 2:0 gegen Dortmund war diesmal besonders tückisch, denn es erweckte den Anschein von Hoffnung. Solche Gefühle sind im Kraichgau offenbar unerwünscht und werden mit administrativem Eifer sofort wieder einkassiert. Hajdari, ein junger Mann, der eigentlich den Ball von der Linie kratzen wollte, durfte stattdessen erleben, wie sein Schienbein den Ball genau dorthin beförderte, wo BVB-Angreifer es lieben. Es soll in der Kabine Tränen und Kartoffelsalat gegeben haben, letzteres traditionell. Auch Patrick Wimmer durfte wieder von Beginn an spielen, was in Österreich als diplomatischer Sieg über die Bundesliga gefeiert wird, weil immerhin einer von uns in der Formation steht, wenn der Untergang beginnt.
Während Hoffenheim also emsig an seiner Methode feilt, feiern im Norden zwei Landsleute das, was man in der Provinz einen normalen Samstag nennt. Marco Grüll, dessen Name allein schon nach Alm klingt, köpfelte Bremen mit einer Ecke und einem Treffer in eine Art kollektive Glücksstarre. Niklas Füllkrug durfte zurückkehren und sich als lebendes Denkmal für die Idee feiern lassen, dass alte Bekannte manchmal genau das richtige Werkzeug sind. Werder Bremen gewinnt 3:1 gegen Leipzig, und die sportpolitische Botschaft aus Österreich ist klar: Wo Hoffenheim patzt, liefern wir.
Den absoluten Gipfel der österreichischen Exportoffensive aber lieferte ein Verein, der auf seinem Wappen eine Burg trägt und im Duden unter "Dorfklub, idealtypisches Beispiel" steht. Elversberg, irgendwo zwischen Autobahn und Ackerrand, gewann in Mönchengladbach nach 1:3-Rückstand noch mit 4:3. Goalie Nicolas Kristof darf sich ab sofort als lebende Legende bezeichnen lassen, denn eine solche Aufholjagd gegen einen Bundesligisten ist statistisch etwa so wahrscheinlich wie ein Sonnensturm über dem Saarland. Gladbach dagegen spielt offenbar neuerdings die Rolle des dankbaren Gastgebers, der den Gästen alles gibt und sich am Ende wundert, warum die Polizei die Tür nicht zugemacht hat.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Fußball manchmal weniger ein Sport und mehr eine Behörde ist. Hoffenheim hat das Aktenzeichen XY der Bundesliga erfunden, Bremen liefert die Genehmigung, und Elversberg zeigt, dass man mit genügend Inbrunst selbst Gladbach überrollen kann. In Österreich wird man das alles nüchtern zur Kenntnis nehmen, sich ein kleines Bier aufmachen und sagen, dass man es ja immer gewusst habe. Schuld sind natürlich die anderen, das Wetter, der Schiedsrichter, oder, wenn gar nichts mehr hilft, die Uhr. Wenn das die neue Saison werden soll, dann braucht Hoffenheim dringend einen neuen Aktenschrank, weil der alte schon aus allen Fächern quietscht.