In einer niederösterreichischen Gemeinde hat am Freitag ein Bürgermeister namens Manuel Zusag sein erstes Hoffest ausgerichtet, und weil das offenbar ein historischer Moment ist, muss er sofort die halbe politische Landkarte der Umgebung einfliegen. Die offizielle Devise lautete sinngemäß: „Bewusst Zeit nehmen, Danke sagen und miteinander feiern." Was bei einem Fest unter Nachbarn normalerweise bedeutet, man bringt einen Kuchen mit, wird hier zur politischen Tagung mit Programm, Mikrofon und Festansprache.
Wer geglaubt hat, ein Hoffest sei ein gemütlicher Abend mit ein paar Leuten, kennt die Mechanismen der kommunalen Selbstinszenierung nicht. Die Gästeliste las sich wie das Who is Who einer ganzen Region. Neben dem LH-Stellvertreter, der strategisch gute Sicht auf die Getränke hatte, reisten Bürgermeister aus mindestens vier Nachbargemeinden an, jeweils in Begleitung, damit auch die Begleitungen die Begleitungen sehen konnten. Eine richtige Polit-Safari durchs Bucklige Niederösterreich.
Der Höhepunkt des Abends war erwartungsgemäß das Catering. Bier floss aus der hauseigenen Brauerei, Heurigenschmankerl wurden in Mengen aufgetischt, die jeden normalen Würstelstand vor Neid erblassen ließen. Die anwesende Blasmusikkapelle trug den treffenden Namen „Hoffest Musi", was die organisatorische Kreativität der Veranstaltung trefflich unterstreicht, weil offenbar niemand auf die Idee kam, einen kürzeren Namen zu erfinden. Wahrscheinlich hätte „Bierzeltkapelle" zwar auch gepasst, klang aber nicht feierlich genug.
Irgendwann zwischen dem dritten Bier und der fünften Ansprache erreichte die Stimmung jenen Punkt, an dem jeder Anwesende das Bedürfnis verspürte, ebenfalls ein paar warme Worte an die Festgesellschaft zu richten. Es wurde viel „gmütlich zamsetzen" beschworen, viel „Danke" gesagt, und dass Zusammenarbeit gepflegt und gefeiert gehöre. So gesehen ist ein Hoffest im Grunde eine Gruppenkuscheltherapie mit Würstel und Bier, nur dass am Ende niemand etwas zahlt, weil die Rechnung irgendwie an die Gemeinde geht. Einer der Bürgermeister erklärte ernsthaft, es werde „sicher eine Fortsetzung geben", was bei objektiver Betrachtung bedeutet, dass die Gegend jetzt jährlich mit einer politischen Dauerveranstaltung rechnen darf, die vermutlich irgendwann ein eigenes Logo bekommt.
Besonders rührend war die kollektive Überzeugung, dass „gerade in diesen Zeiten" solche Feste wichtig seien. Welche Zeiten genau gemeint sind, bleibt offen. In Zeiten explodierender Energiekosten, in Zeiten kollabierender Infrastruktur, in Zeiten steigender Gemeindeumlagen oder einfach in Zeiten, in denen ein Bürgermeister ein Argument sucht, um im nächsten Wahlkampf mit einem vollen Bauch und einem Foto vom Hoffest in die Stammtische zu marschieren. Wahrscheinlich alles gleichzeitig. Das Hoffest ist nämlich immer auch das, was die Regionalpolitik am besten kann: sich selbst feiern und das als Bürgernähe verkaufen.
Am Ende klang es ein bisschen wie die Einweihung einer neuen Kirche, nur mit Bier statt Weihwasser und mit politischen Reden statt Predigt. Wer wissen will, wie politische Macht in Niederösterreich wirklich funktioniert, der muss nicht ins Landesamt fahren. Es reicht, bei einem Hoffest die Reihenfolge der Hände zu beobachten, die geschüttelt werden, die Reihenfolge der Biersorten, die ausgeschenkt werden, und den Blick, mit dem ein Bürgermeisterkollege beobachtet, wie ein anderer Bürgermeisterkollege das größte Stück Brettljause ergattert. Das ist in etwa so spannend wie ein Formel-1-Rennen, nur ohne Motor und mit Schnaps. Und mit einer Fortsetzung. Ganz sicher.