Man stelle sich vor, ein ganzer Berufsstand entdeckt, dass er gleichzeitig Täter und Opfer ist, und sucht sofort das Rampenlicht, um diesen seltenen Zustand zu zelebrieren. Die heimische Holzbranche hat das nun mit einer Verve getan, die selbst eingefleischte Lobbyisten vor Neid erblassen lässt. Statt wie früher leise in der Sägespäneprovinz zu werkeln, wird auf Messen und Holztagen plötzlich klimapolitisch mitgemischt, als hätte man Jahrzehnte im Walde verbracht, um die Erderwärmung nicht nur zu erkennen, sondern auch rhetorisch einzuholn.
Der Trick ist bestechend einfach. Man nehme einen seit den Sechzigern gewachsenen Baumbestand, multipliziere ihn mit ein paar handverlesenen Prozentzahlen und präsentiere das Ganze als Naturgesetz. Der Wald ist Speicher. Punkt. Wer das Gegenteil behauptet, hat die Logik nicht verstanden oder gar ein ideologisches Problem mit der Tanne. So ungefähr klingt es, wenn die Sägeindustrie in Kärntner Hallen das Wort ergreift, flankiert von einem Forstreferenten, der sich offenbar vorgenommen hat, in jeder zweiten Rede den Begriff "Klimasünder" wie einen persönlichen Affront zu behandeln.
Besonders charmant ist die Idee vom "zweiten Wald". Wer bisher dachte, ein Wald sei ein Wald, wird hier eines Besseren belehrt. Künftig gibt es den stehenden Wald und den verbauten Wald. Den einen fällt man, den anderen nagelt man zusammen, und beide sind angeblich gut fürs Klima. Wer jetzt einwendet, dass irgendwann das Holz auch wieder verbrennt, vielleicht sogar in einem Pelletsofen, wird einfach ignoriert. Auch die Frage, was mit den Käfern passiert, die sich gerade durch halb Mitteleuropa fressen, wird höflich auf das Jahr 2027 verschoben. Schauen wir mal, heißt es da, vielleicht wird es ja ein besonders gutes Borkenkäferjahr, wer weiß das schon.
Die Waldbrände, und hier beginnt die Satire unfreiwillig von selbst zu schreiben, verdoppeln sich binnen eines Sommers, als hätte jemand die Statistik mit einem Holzhammer aktualisiert. 54 Brände allein in einem Bundesland, und das im Wonnemonat, der in Österreich gefühlt erst im September beginnt. Da wundert es wenig, dass die Branche das Thema CO2 nicht in Rauch aufgehen lassen will. Sie braucht den Wald als Argument genauso dringend wie als Rohstoff, und diese doppelte Buchführung gelingt offenbar am besten auf einer Messe in Klagenfurt, wo man zwischen Fachvorträgen und Würstelstand die Weltformel des Holzes verkündet.
Wirklich absurd wird es, wenn die künstliche Kohlenstoffspeicherung als absurd bezeichnet wird, während der Wald selbst durch Dürre, Wind und Feuer zur Baustelle wird. Da haben wir den seltenen Fall, dass die Lobby das eigene Argument gerade dann bemüht, wenn es eigentlich brennt. Man darf gespannt sein, welche Prozentzahl beim nächsten Holztag genannt wird. Verdopplung, Verdreifachung, Vervierfachung, Hauptsache, der Wald bleibt auf dem Papier das, was er im Werbefolder schon immer war: der beste Freund des Menschen, der Subvention bekommt.
Am Ende bleibt das beruhigende Gefühl, dass in Österreich selbst dann, wenn die Bäume umfallen, noch ein Stammbuch bereitliegt, in dem man sich verewigen kann. Die Forstlobby jedenfalls hat ihren Auftritt. Der Wald muss nun sehen, wo er bleibt.