Vier Mal schon haben die fleißigen Helfer des Versandhauses in Klagenfurt zugeschlagen, vier Mal haben sie Hefte und Trinkflaschen in Säcke gestopft und so getan, als wäre das eine Art Bundesverdienstkreuz für die regionale Sozialpolitik. Man stelle sich das einmal vor: Da sitzen Mitarbeiter eines multinationalen Logistikunternehmens, deren tägliche Arbeit darin besteht, Spielzeug und Bluetooth-Lautsprecher in braune Kartons zu schieben, und plötzlich erklären sie die Schulmaterialversorgung des Landes Kärnten zur Chefsache. Man hört förmlich die Motorsägen der Marketingabteilung rattern, wenn der Blick über das schöne Kärntner Becken schweift und man sich die warme Herbstsonne vorstellt, die das feierlich inszenierte Wohltätigkeitsspektakel begleitet.
Natürlich ist es herzerwärmend, wenn jemand einem Kind einen Malkasten schenkt. Es ist auch zutiefst symbolisch, dass ausgerechnet ein Konzern, der mit algorithmischer Präzision berechnet, wie viel ein Mensch wert ist, indem er dessen Konsumdaten in Sekundenbruchteilen durchkämmt, sich nun als Schutzpatron der Hefteinbände aufspielt. Man darf sich das Bild gern in Ruhe vor Augen führen: Lagerarbeiter in orangen Warnwesten neben Diakoniemitarbeitern mit sanftem Blick, alle gemeinsam kniend auf dem Asphalt, während aus einem riesigen Container Hefte, Stifte und der Segen des Konzerns herabregnen. Es fehlt nur noch ein Kameraflug von schräg oben und die Titelmelodie eines Heimatfilms aus den Siebzigern.
Die Pointe freilich liegt nicht im Heft und nicht im Malkasten. Die Pointe liegt in den zweihundert Euro, die der Schulstart eine durchschnittliche Familie kostet und die der Staat den Eltern mit der Selbstverständlichkeit einer Lawine überlässt. Während das Finanzministerium stolz auf die Erhöhung des Familienbonus hinweist, der ungefähr so wirkt wie ein Heftpflaster auf einer gebrochenen Rippe, sitzen die Eltern vor den Schulbuchlisten und rechnen nach, ob das Geld für die Jause oder für das neue Turngewand reicht. Es ist eine eigenartige Republik, die sich bei der Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung von einem Versandhändler und einer karitativen Organisation vertreten lässt. Man stelle sich vor, die Post würde demnächst die Straßenbeleuchtung übernehmen und die Bundesheer-Kapelle die Milchversorgung der Schulen sicherstellen.
Man muss den beiden beteiligten Organisationen zugutehalten, dass sie ihre Sache durchaus ernst nehmen. Es gibt schöne Worte in der offiziellen Mitteilung, es gibt Dankesbekundungen, es gibt vermutlich sogar ein gemeinsames Foto, auf dem alle Beteiligten in die Kamera lächeln, als hätten sie gerade einen Staatsvertrag unterzeichnet. Die Caritas-Vertreterin mit der Spendenkompetenz sagt genau das Richtige, der Bereichsleiter für Menschen in Not nickt dazu, und am Ende steht da: Wichtige Unterstützung, die direkt ankommt. Was in einer Welt, in der das Sozialsystem chronisch unterversorgt ist, wie eine sanfte Ohrfeige an die Adresse der Politik wirkt. Aber wir wollen nicht zu hart urteilen. Es ist halt alles sehr menschlich, sehr regional und sehr Kärnten.
Dass die Welt in Kärnten ihren eigenen Dreh hat, weiß man spätestens seit der legendären Aussage eines früheren Landeshauptmannes, der sich mit der Würde eines Berggorillas über das Bundesgebiet beugte und verkündete, hier werde ein eigener Weg gegangen. Nun geht man also den Weg, dass Konzerne das Schulmaterial liefern, dass Diakonievereine die Verteilung übernehmen, und der Bezirk feiert das als kollektive Anstrengung der Zivilgesellschaft. Das ist vermutlich das, was man in Sonntagsreden die Stärkung des sozialen Zusammenhalts nennt. Oder, mit weniger Pathos: eine gut gemeinte Paketaktion, die das eigentliche Problem nicht löst, aber eine schöne Geschichte für die nächste Pressekonferenz liefert. Und am Ende geht die Republik pleite, aber die Kinder haben wenigstens einen Malkasten.