Man darf sich also freuen, dass es nicht mehr ganz so schlimm ist wie früher. Salzburgs Stadtväter haben dieser Tage einen nagelneuen Kindergarten in Gneis eröffnet, feierlich durchschritten und sogleich in Wohlfühlatmosphäre fotografiert. Bis zu 91 Kinder sollen sich hier wohlfühlen, betreut von vorerst acht Mitarbeitern, was ungefähr dem Personalschlüssel entspricht, den man auch auf einer mittelgroßen Vernissage erwarten würde. Acht Augen auf 91 kleine Wirbelwinde, das klingt nach einem sehr ambitionierten Vertrauensbeweis in die Aufmerksamkeitsspanne Erwachsener.
Die zuständige Amtsfrau nennt die Personalsuche eine große Herausholung und klingt dabei, als würde sie über die Suche nach einem einzigen Parkplatz in der Altstadt reden. 370 Fachkräfte und 57 Helfer arbeiten in städtischen Einrichtungen, 18 Stellen klaffen, und Eltern bekommen Absagen. Nur 168 heuer, früher waren es über 300. Man feiert das in etwa so, wie ein Patient feiert, dass der Tumor nur noch halb so groß ist. Sinkende Absagequoten sind das neue Wachstum.
Gleichzeitig wird erzählt, dass Quereinsteiger unterstützt werden, Ausbildungskosten und die Hälfte des Lohnentfalls ersetzt bekommen. Das klingt im ersten Moment nach großzügiger Geste, bis man kurz nachrechnet: Wer seinen Job aufgibt, um Kindern das Malen mit Fingerfarben beizubringen, bekommt die Hälfte dessen, was er vorher hatte. So sieht offenbar der Schlachtruf aus, mit dem man junge Menschen in die Pädagogik locken will. Man darf spekulieren, wie viele Bankangestellte, Friseurinnen und Lagerarbeiter diesem Ruf gefolgt sind, nachdem sie die Gehaltsrechnung gesehen haben.
Der Bürgermeister persönlich ist in bester Austausch-Laune, kaufmännisch gerundet und mit dem Anschein eines Mannes, der das Ruder fest in der Hand hält. Er war mit Elternvertretern da, sie haben geredet, er hat zugehört, die Sache ist geritzt. Nur bei der Konkurrenz mit privaten Trägern rudert er vorsichtig zurück, weil man sich gegenseitig kein Personal abjagen will. Was bleibt, ist die feine städtische Linie: nicht zu laut auftreten, damit die Privaten nicht verschrecken, und die Schanzlgasse vielleicht doch noch kaufen, damit wenigstens ein Gebäude den Weg in die richtige Hand findet.
Auch das Land redet mit, oder besser gesagt, es redet mit, ohne etwas zu sagen. Salzburgweit starten 3666 Elementarpädagogen und 1647 Zusatzkräfte mit 35000 Kindern in den Herbst, der Personalstand wachse ständig, heißt es aus dem Büro der zuständigen Landesvize, was ungefähr die Aussagekraft einer Heizungsrechnung im Hochsommer hat. Das Einstiegsgehalt sei attraktiver, sagen die einen, die anderen würden gerne wissen, wofür genau, denn in vielen Wiener oder Tiroler Vergleichstabellen findet sich Salzburg nicht ganz oben. Über das zweite verpflichtende Kindergartenjahr redet man lieber gar nicht, der Glaube daran ist im Sinkflug begriffen, was die Umsetzung betrifft.
Man kann das Ganze auch als Musterbeispiel österreichischer Lösungskultur lesen. Die Spielgeräte stehen bereit, die Eröffnung ist fotografiert, die Worte sind gesetzt, und die Wirklichkeit sortiert sich anschließend von selbst. 474 zusätzliche Plätze bis 2027 klingen nach einer schönen Zahl auf einer schönen Folie, und wenn am Ende 60 davon realisiert sind, wird man das als Teilerfolg feiern. Salzburg bleibt damit ganz bei sich: ein Land, das gerne zählt, was es schaffen könnte, und dann präzise das feiert, was es knapp geschafft hat. Und irgendwo zwischen Notfallverordnung, Dauerlösung und Quereinsteigerprämie wachsen die Kinder auf, mit oder ohne zweite Bezugsperson. Hauptsache, das Gruppenfoto ist schön.