Man hat es ja nicht mehr zu hoffen gewagt. Das Kino, dieses liebevoll gepflegte Denkmal der analogen Langeweile, war doch längst abgeschrieben. Generation Z, diese geheimnisvolle Spezies, die angeblich nur zwischen TikTok, Selbstoptimierung und dem perfekten Schatten auf dem Selfie existiert, sollte ausgerechnet den Konsum von zwei Stunden bewegter Bilder mit unbekannten Sitznachbarn und klebrigen Armlehnen als Freizeitbeschäftigung wählen. Das klang von Anfang an wie ein Aprilscherz, den jemand aus dem Jänner verschickt hat.
Doch dann kam der Sommer und mit ihm die Erkenntnis: Die Jugend kann doch noch still sitzen, wenn man ihr nur genug animierte Spinnenmänner, einen griechischen Heimkehrer mit Sonnenbrand und eine Diva in teuren Schuhen auf die Leinwand wirft. Das Publikum strömte also nicht etwa wegen der dramatischen Lebenskrise oder der existenziellen Sinnsuche ins Kino. Es kam wegen Special Effects. Die Kinobranche, sonst eher für ihre zähen Pressekonferenzen und verstaubten Galaabende bekannt, deutet das als philosophischen Wendepunkt und spricht bereits von der Wiedergeburt des kollektiven Erlebnisses.
Natürlich darf man die nüchternen Zahlen nicht unterschätzen. Milliardenumsätze klingen immer beeindruckend, vor allem, wenn man sie großzügig auf die wenigen Blockbuster verteilt, die tatsächlich Geld einspielen. Der Rest ist ein liebevoll gepflegtes Mysterium, in dem die Filmstudios die wahren Kosten ihrer Marketingkampagnen verbergen, als handle es sich um Staatsgeheimnisse. Man möchte fast vermuten, dass die angeblich so toten Kinosäle vor allem deshalb wieder gefüllt sind, weil die Jugend die Klimaanlage und die anonyme Dunkelheit als Rückzugsort vor den Eltern entdeckt hat.
Besonders rührend ist die Inszenierung der Branche. Da werden Trends verkündet, die noch keinen Winter überlebt haben, mit einer Inbrunst, als würde ein Landeshauptmann eine neue Umfahrungsstraße eröffnen. Die Pressekonferenzen klingen, als hätte das Kino den Krieg gegen die Streamingdienste gewonnen, nur weil man einmal mehr Kinogänger gezählt hat als Katzenfutter-Abonnenten. Man darf sich also auf eine neue Welle der Selbstbeweihräucherung freuen, in der jeder zweite Manager erklärt, das Publikum habe sich neu erfunden, und zwar exakt nach dem Drehbuch, das die Marketingabteilung im Jänner bestellt hat.
Die wirklich entscheidende Frage stellt freilich niemand. Nämlich jene, warum ein junger Mensch freiwillig einen Raum betritt, in dem er nicht pausieren kann, nicht scrollen darf und nicht einmal sein eigenes Licht mitbringen soll. Die Antwort ist verblüffend einfach: weil es Popcorn gibt. Und zwar nicht das traurige Popcorn aus der Mikrowelle zuhause, sondern jenes, das so teuer ist, dass es die Inflation ganz alleine erklärt. Wenn das die Zukunft des Kinos ist, dann darf Hollywood weiter von historischen Wendepunkten reden. Die Kinogänger tun es längst, und zwar mit vollem Mund und einer kleinen Tüte, die 9,80 kostet.