Es gibt sie noch, die Feste, die niemand absagen kann. Nicht das Wetter, nicht die EU, nicht einmal die eigene Bandscheibe. Wenn in St. Martin bei Rosegg der Kirchtag ruft, dann marschieren die Menschen los wie weiland die Kreuzritter, nur dass statt Schwert und Lanze heutzutage Servus und Grillerl mitgeführt werden, was im Grunde auch eine Art bewaffneter Konflikt ist, nur mit besserer Soße.
Samstag, 16 Uhr, Dorfplatz. Das ist keine Einladung, das ist ein Fakt. Wer nicht kommt, muss damit rechnen, am Montag in der Kaffeeküche so behandelt zu werden, als hätte er den Heiligen Geist persönlich beleidigt. Die Dorfgemeinschaft kennt ihre Schäfchen und ihre Ausreißer, und die Ausreißer werden früher oder später trotzdem kommen, weil der soziale Druck eines Kärntner Kirchtags stärker ist als jeder Föhn.
Für die musikalische Unterhaltung sorgen die Stromlosen Ebenthaler, eine Formation, deren Konzept auf den ersten Blick wirkt wie eine Energiesparmaßnahme mit Instrumenten, sich bei näherer Betrachtung aber als konsequent lebensphilosophisches Statement entpuppt. Wer ohnehin gegen Steckdosen ist, hat gegen Verstärker naturgemäß nichts einzuwenden, und wer doch, der darf wenigstens mitsingen, so laut er kann, weil gegen das Dröhnen einer akustischen Gitarre in Kärntner Nachtluft selbst der lauteste Einwand verstummt.
Sonntag, 10 Uhr 30, Heilige Messe bei der Filialkirche. Man beachte die Reihenfolge. Erst wird gegrillt, dann wird gebetet, was theologisch betrachtet eine sehr ehrliche Anordnung ist. Wer am Sonntag mit frisch geräuchertem Hirn und der Würde eines halben Bierkrugs in der Kirche sitzt, weiß wenigstens, warum er um Vergebung bitten muss. Wer stattdessen zu Hause bleibt und sich einredet, er habe Migräne, der möge sich im Klaren sein, dass dies die schlechteste Ausrede seit Erfindung der Migräne ist.
Natürlich wird an solchen Tagen auch viel gearbeitet, im Hintergrund, versteht sich. Die Damen des Kirchenrates stehen in der Küche und sorgen dafür, dass der Kartoffelsalat jene Konsistenz hat, die seit Generationen als Normalwert gilt. Wer diesen Kartoffelsalat kritisiert, hat gegen das Kollektiv verstoßen, nicht gegen ein Gericht, und wird entsprechend behandelt, also mit höflichem Lächeln und anschließender sozialer Ächtung, die mindestens bis zum nächsten Kirchtag anhält.
Die spannende Frage ist natürlich, was an solchen Festen eigentlich noch gefeiert wird. Den Heiligen Martin? Den Beginn der Grillsaison? Den Umstand, dass man unter seinesgleichen endlich wieder ungestraft Schnitzel panieren darf? Egal, es wird einfach gefeiert, weil es schon immer gefeiert wurde, und wer eine Begründung verlangt, bekommt keine, sondern nur einen Teller mit Krainer und ein Glas Most, und danach stellt er keine Fragen mehr.
Am Ende bleibt die Gewissheit, dass der Kirchtag in St. Martin nicht trotz, sondern wegen der Weltlage stattfindet. In Zeiten, in denen Nachrichtenbarone erklären, dass alles immer schlimmer wird, gibt es halt einen kleinen Dorfplatz, auf dem noch immer alles genauso ist wie letztes Jahr und vorletztes und überhaupt. Die Stecker der Stromlosen Ebenthaler bleiben gezogen, das Bier bleibt kalt, und die Sonne über Rosegg geht über den Würsteln auf, wie sie es seit jeher tut. Möge sie nie untergehen.