Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist tatsächlich passiert: In Klagenfurt gibt es jetzt einen Spielplatz, auf dem Kinder spielen können. Damit wurde ein seit Jahrzehnten bestehendes Grundrecht der Menschheit endlich auch in der Fischlsiedlung umgesetzt. Offenbar hatten die Anwohner die ganze Zeit in einer Art Bermuda-Dreieck der Freizeitgestaltung gelebt, umgeben von Schaukeln, Sandkisten und Klettergeräten, aber ohne die zündende Idee, diese auch zu benutzen. Doch nun, nach Jahren der Dunkelheit, kam das Licht. Es trug die Form eines multifunktionalen Ballspielplatzes mit Fußballtoren.
Zwei Männer in Anzügen, deren Aufgabe es ist, in Wohnungen zu wohnen beziehungsweise über Wohnungen zu reden, schritten zur Tat. Einer davon durfte einen Satz sagen, der so klingt, als hätte ihn ein Praktikant um drei Uhr früh im Sitzungssaal geträumt: Der Spielplatz spiele im wahrsten Sinne des Wortes alle Stückerln. Damit ist nun endlich auch die letzte sprachwissenschaftliche Frage der Stadt geklärt. Ein Stückerl ist ein Stückerl, ein Spielplatz ist ein Spielplatz, und wenn man beides kombiniert, bekommt man offenbar eine Art metaphysisches Gesamtpaket, in dem Kinder vergnügt herumtoben, während Erwachsene persönliche Gespräche führen, die sie vorher jahrelang nicht führen konnten, weil die richtige Infrastruktur fehlte. Ohne diesen Spielplatz wäre das Kennenlernen in größeren Wohnsiedlungen vermutlich noch immer technisch unmöglich.
Natürlich gab es auch ein Familienfest, weil es in Klagenfurt keinen Spielplatz ohne eine Hüpfburg, ein paar schiefe Töne aus einem Lautsprecher und einen Redner geben darf, der glaubt, er müsse das alles einordnen. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter traten also an, als gelte es, einen neuen Kontinent zu taufen. Man darf sich das so vorstellen: Während im Hintergrund die ersten Matches auf dem neuen Fußballfeld ausgetragen wurden, was vermutlich bedeutet, dass drei Kinder und ein Hund minutenlang einem Ball hinterherliefen, wurde vorne feierlich der Boden begutachtet, als handle es sich um eine Mondlandungsplattform. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Pathos eine Stadtverwaltung in der Lage ist, einen Hügel, eine Wiese und ein paar Schaukeln in einen historischen Moment zu verwandeln.
Besonders rührend ist der Hinweis auf die neuen Abfallbehälter. Denn offenbar war die Fischlsiedlung bislang ein einziges Mysterium der Müllwirtschaft. Man stelle sich vor: Familien, die jahrzehntelang gezwungen waren, ihre Bananenschalen in den Händen zu tragen, bis sie zu Hause ankamen. Das hat nun ein Ende. Die Stadt hat Abfallbehälter aufgestellt, was in etwa so revolutionär ist wie die Erfindung des Rades, aber in der kommunalen Selbstdarstellung natürlich als Meilenstein der Zivilisation verkauft wird. Auch die schattenspendenden Bäume sind ein echtes Geschenk, weil man sich bisher vermutlich bei vierzig Grad im Schatten einer Parkbank einen Sonnenstich holen musste. Bäume spenden jetzt Schatten, offiziell bestätigt, amtlich protokolliert, mit Unterschrift.
Was bleibt, ist die Frage, warum diese Eröffnung überhaupt eine Eröffnung sein musste. Hätte man den Spielplatz nicht einfach hinstellen können, leise, ohne Politiker, ohne Banddurchschneiden, ohne das obligatorische Foto, auf dem Männer in Hemden mit hochgezogenen Augenbrauen in die Kamera lächeln, während hinter ihnen ein Kind zu fallen droht? Aber nein, in Klagenfurt funktioniert das nicht. Hier braucht jedes Sandkisten-Upgrade einen Festakt, einen Slogan und ein Versprechen, dass das Miteinander in Wohnsiedlungen jetzt endlich seinen Anfang nimmt. Es ist, als hätte jemand das Konzept Spielplatz durch das Konzept Spielplatzplus ersetzt, mit zusätzlicher Symbolik, zusätzlicher Bedeutung und zusätzlichen Sitzgelegenheiten, auf denen Eltern nun persönliche Gespräche führen dürfen. Das Kinderparadies ist eröffnet. Möge es lang leben. Und möge bitte jemand die Abfallbehälter leeren, bevor der Festreden-Effekt verpufft.