Willkommen in Kohfidisch, wo die Zeit nicht stillsteht, sondern höflich auf den Frühschoppen wartet. Die Feuerwehr hatte gerufen, und sie tat das natürlich mit vollem Ernst, mit Aussicht auf Bier, mit einer Hupfburg, die offenbar seit der Landesgründerzeit nicht gewartet wurde, und mit einer Blasmusik, die musikalisch das leistet, was die Politik selten schafft: Sie bringt alle unter einen Hut und sorgt dafür, dass es niemand wagt, leise zu sein.
Die Erwachsenenwelt sortierte sich erwartungsgemäß in bewährte Frühschoppenhierarchien. Wer zuerst kommt, steht am Tresen. Wer zuletzt kommt, steht im Schatten des Feuerwehrautos und behauptet trotzdem, er sei gerade noch rechtzeitig für die Bratwürstel gewesen. Kulinarisch wurde alles aufgeboten, was die regionale Selbstachtung verlangt, inklusive Getränken, die sich erfrischend nennen, weil der Veranstalter das so auf den Zettel geschrieben hat und die Realität sich selten traut, dem widerspricht.
Der Musikverein Güttenbach übernahm die klangliche Hoheitsverwaltung. Was er spielte, wusste hinterher niemand mehr genau, aber alle nickten, alle klatschten, und wer aus dem Takt geriet, tat das mit Würde. Die Hupfburg wiederum avancierte zum politischsten Ort der Veranstaltung. Hier entschied sich in Echtzeit, wer im Ort künftig Rang und Namen hat, denn wer das Kind auf der Hupfburg kennt, kennt die Machtverhältnisse. Das Feuerwehrzielspritzen war demgegenüber ein demokratisches Ventil: Jeder durfte danebenspritzen, niemand musste danach erklären, warum.
Die Gastfeuerwehren rückten in einer Formation an, als hätte jemand ein unsichtbares Einrückungsdekret erlassen. Badersdorf, Eisenberg, Kirchfidisch, Harmisch, Deutsch Schützen, Jabing, alle waren sie da, jeder mit dem leicht übertriebenen Schulterklopfen, das unter Feuerwehrmännern dasselbe bedeutet wie ein dreifacher Handkuss unter Politikern. Man sah sich, man grüßte sich, man tauschte Blicke über den Zustand der regionalen Einsatzbereitschaft aus, und alle waren sich stillschweigend einig, dass das wichtigste Einsatzgerät des Tages der Zapfhahn war.
Die eigentliche Großtat aber war die Kinderfrage. Während die Eltern glaubten, ein gemütlicher Sonntag stehe bevor, handelte es sich in Wahrheit um ein hochkompliziertes diplomatishes Manöver. Wer darf zuerst in die Hupfburg, wer zuletzt auf die Hüpfburg, und vor allem: Wer bekommt das letzte Eis, bevor die Kühltruhe ein politisches Thema wird. Die Freiwillige Feuerwehr Kohfidisch bewältigte diese Lage mit jener Ruhe, die man sonst nur von jahrzehntelang eingespielten Einsatzleitungen kennt, also mit sehr wenig Schlaf, sehr viel Kaffee und einer unerschütterlichen Überzeugung, dass alles gut wird, solange die Getränke kalt bleiben.
Am Ende stand das Dorf ein bisschen voller, die Blasmusik ein bisschen heiserer und die Hupfburg ein bisschen platter da, und man war sich einig, dass das die wichtigste Übung des Quartals gewesen sei. Wenn die Wirklichkeit den Frühschoppen schon nicht braucht, dann braucht der Frühschoppen wenigstens die Wirklichkeit, und so bleibt Kohfidisch vorerst das, was es immer war: ein Ort, an dem man hingeht, ohne es zu erklären, und an dem man geht, ohne es zu bedauern, falls die Würstel noch warm sind.