Man stelle sich vor: In Wels entstehen 300 neue Wohnungen. Sofort schlägt die Stunde der Sicherheitslogik. Wenn dort Menschen einziehen, könnten diese Menschen theoretisch etwas tun, und gegen jedes theoretische Tun hilft bekanntlich nur eines: mehr Polizei. Das ist ungefähr so, als würde man für ein neu gebautes Schwimmbad eine eigene Wasserpolizei fordern, nur damit niemand ertrinkt, der noch gar nicht schwimmt.
Der zuständige Herr Stadtrat, dessen politischer Lieblingssport seit Jahren das Vorauseilen ist, hat jedenfalls sofort den richtigen Riecher gehabt. Die Pernau wächst. Also braucht sie ein Polizeigebäude. So wie Zähne wachsen und man deshalb einen zweiten Zahnarzt braucht. Oder wie Kinder wachsen und man deshalb eine eigene Schule pro Kind baut. Die Mathematik dahinter ist bestechend: 300 Wohnungen, folglich Gefahr im Verzug. Wo gewohnt wird, wird schließlich auch eingebrochen, gefeiert, mit dem Kinderwagen gegen parkende Autos gestoßen und im Innenhort zu laut gelacht. Alles Szenarien, die ohne eigene Polizeiinspektion nicht mehr beherrschbar wären.
Natürlich ist die bestehende Wache in der Linzer Straße zu klein. Das ist sie nämlich immer, bis jemand auf die geniale Idee kommt, einfach ein Schild dazuzuhängen, das den beengten Verhältnissen einen historischen Anstrich verleiht. Stattdessen soll nun ein moderner Polizeistützpunkt direkt ins Wohnviertel integriert werden. Damit ist das jahrhundertealte Prinzip der urbanen Sicherheit endlich dort angekommen, wo es hingehört: zwischen Bäcker und Bipa. Sicherheit gibt es schließlich nicht mehr im Rathaus, sondern im Einkaufszentrum. Wer früh einsteigt, gewinnt.
Dass die Polizei künftig nicht mehr auf Verbrecher reagiert, sondern diese gemeinsam mit den Bauträgern schon im Rohbau plant, ist eine konsequente Weiterentwicklung der behördlichen Mitdenkkultur. Man könnte fast sagen: Warum erst die Wohnung genehmigen und dann die Streife schicken, wenn man gleich beides im selben Akt einreichen kann? So sieht moderne Stadtplanung aus, wenn das Sicherheitsverständnis in einer Stadt so groß ist, dass es nicht mehr in eine Amtsstube passt, sondern seinen eigenen Bebauungsplan braucht.
Dass bei diesem Tempo in zehn Jahren in jedem neuen Stadtteil nicht nur ein Polizeiposten, sondern auch gleich eine eigene Bezirkshauptmannschaft samt Finanzamt und Familienbeihilfestelle stehen wird, versteht sich von selbst. Der Mensch braucht halt Vertrauen in den Staat. Und Vertrauen entsteht durch Sichtbarkeit. Am sichtbarsten wird der Staat bekanntlich, wenn man ihm beim Blaulichtputzen zusehen kann, direkt vor der Haustüre.
Am schönsten an der Forderung ist allerdings der Zeitpunkt. Während anderswo über die Frage diskutiert wird, wie man mit immer weniger Personal immer mehr Fläche absichern soll, wird hier mit bewundernswerter Nonchalance einfach ein zweiter Stützpunkt dazuerfunden, weil 25.000 Quadratmeter neuer Stadtteil entstehen. Es ist der Triumph der politischen Logik über die polizeiliche Realität: Wenn man die Wirklichkeit nicht ändern kann, ändert man halt die Quadratmeter. Das spart Überstunden und produziert Schlagzeilen.
Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Eine eigene Polizeihundestation für den Stadtteilpark? Eine eigene Verkehrspolizei für die neue Zufahrtsstraße? Eine eigene Kriminalpolizei für den geplanten Spielplatz, weil dort mit dem Sand gemogelt wird? Wenn das so weitergeht, ist die Pernau in zehn Jahren nicht mehr ein Stadtteil von Wels, sondern ein eigener Polizeibezirk mit eigener Währung, eigener Hymne und eigener Sicherheitsphilosophie. Und der Stadtrat darf dann beim Spatenstich die Polizeikelle schwingen, begleitet vom feierlichen Blaulicht des Bauträgers.