Es hat begonnen. Nein, nicht die Erlösung, nicht der Aufstand der Maschinen, nicht mal der Meteorit, den alle seit Jahren höflich ankündigen. Es hat das angefangen, wovor heimische Journalistinnen und Journalisten insgeheim zittern, seit sie das Wort "Prompt" nicht mehr nur von Hustensaft kennen. Künstliche Intelligenz, jenes freundliche Helferlein, das angeblich nur unterstützen will, hat die heimische Medienlandschaft auf ein einheitliches Textniveau gehoben. Und dieses Niveau ist, vorsichtig formuliert, das eines aufgewärmten Semmels.
Stell dir vor, du schreibst seit zwanzig Jahren Leitartikel mit Leidenschaft, Schweiß und einem nahezu neurotischen Verhältnis zum Komma. Du hast dein Handwerk gelernt, als man noch tatsächlich angerufen hat, um eine O-Ton einzuholen, und nicht bloß eine E-Mail. Dann lässt du dir, ganz modern, einmal erlauben, dass dir eine Maschine den Einstieg glättet, weil der Redaktionsschluss dräut und der Kaffee kalt ist. Kaum hast du auf "Generieren" geklickt, kommt der Satz, den du selbst geschrieben hättest, wärst du ein bisschen weniger du gewesen. Ein Satz wie aus dem Baukasten, in dem "heutzutage", "in Zeiten wie diesen" und "gesellschaftlich relevant" nebeneinander liegen wie Semmelbrösel auf einer Tischtuchdecke.
Die Pointe ist freilich jene, die sich kein Mensch so richtig traut auszusprechen: Wir hätten die Maschine gar nicht gebraucht. Schon vor ChatGPT klangen achtzig Prozent aller Kommentare so, als hätte sie jemand aus dem Baumarkt der Phrasen gezogen. "Es stellt sich die Frage", "ein differenzierter Blick ist nötig", "am Ende des Tages". Wer einmal einen Blick in die berüchtigte Ablage mit Standardfloskeln wirft, versteht, dass die Künstliche Intelligenz nichts erfunden hat. Sie hat nur konsequent aufgeräumt.
Dass ausgerechnet diejenigen, die jahrelang gegen jede Form der Standardisierung gekämpft haben, nun kollektiv in denselben Tonfall verfallen, gehört zu den schönen Ironien der Branche. Die Maschine denkt nicht, aber sie klingt so, als hätte sie nachgedacht. Die Redaktion denkt nach, klingt aber so, als hätte die Maschine es gemacht. Damit ist die Hierarchie endgültig geklärt, der Mensch bleibt Chef, die Maschine macht den Satz, und der Leser wundert sich, warum alles nach demselben Kräutertee schmeckt.
Besonders betroffen ist naturgemäß die politische Glosse, ohnehin eine bedrohte Art, vergleichbar mit dem Luchs, nur ohne Charme. Wo früher spitze Feder, böse Ironie und gelegentliche Beleidigung des Bürgermeisters den Ton angaben, herrscht nun ein sanftes, neutrales Brummen, das keinen Menschen mehr verletzt und damit auch keinen mehr interessiert. Der Algorithmus habe sich, so hört man, "wertfrei" positioniert, also exakt so, wie sich der Algorithmus positioniert, wenn man ihm nicht vorher gesagt hat, welche Position er denn bitte schön einnehmen solle. Die alte Schule nannte das Feigheit, die neue Schule nennt es Compliance.
Am Ende bleibt das trostreiche Wissen, dass die wirklich guten Texte auch weiterhin jene sein werden, bei denen jemand nachts um drei dasitzt, das Gesicht schief, den Kaffee kalt, und aus Trotz gegen die eigene Erschöpfung einen Satz schreibt, den keine Maschine je so hässlich und so präzise hingesetzt hätte. Diese Sätze wird es geben, vermutlich seltener als früher, vermutlich öfter als erhofft. Und sie werden auffallen, weil sie nicht klingen wie alle anderen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Maschine, wenn sie eines Tages tatsächlich die Weltherrschaft übernimmt, wenigstens stilistisch keine Spuren hinterlassen wird. Sie macht einfach alles so, wie es schon war, nur leiser, glatter und mit einem Hauch von Presseaussendung.