Man stelle sich vor, die Republik hätte sich vorgenommen, bis 2030 aufhören zu wollen, sich jeden Sonntagabend die nächste Woche schönzureden. Klingt ambitioniert, oder? Genau so ähnlich war es, als Brüssel ankündigte, dem Verbrenner den Garaus zu machen. Ein klares Ziel, ein klares Ende, eine klare Linie. Man könnte meinen, damit wäre die Sache erledigt. Man könnte auch glauben, der Frühling kommt zuverlässig im März. Beides ist mit derselben Wahrscheinlichkeit eingetreten.
Dann kam, wie immer in der europäischen Wundertüte, das politische Schafott in Gestalt einer Zahl. Neunzig Prozent. Nicht mehr alles, nicht mehr ganz, sondern nur mehr fast. Die restlichen zehn Prozent dürfen weiterhin fröhlich vor sich hin qualmen, als wäre Smog ein Kulturgut. Was als kühne Revolution geplant war, endete in einem Kompromiss, wie ihn die Großtante beim Familienfest vorschlägt, wenn sich alle nicht einigen können: „Na gut, dann eben nur bis auf weiteres, und überhaupt, wer wird denn gleich.“ So sieht europäische Gestaltungskraft aus, wenn man sie aus dem Fenster lässt.
Die Auto- und Zulieferindustrie ihrerseits hatte natürlich sofort die passende Medizin parat. Technologieoffenheit. Klingt nach Wissenschaft, riecht nach Pressekonferenz, schmeckt nach Lobbyistenbrötchen. Es ist das Zauberwort, mit dem man jede Diskussion in Watte packen kann, solange, bis keiner mehr genau weiß, worüber gerade eigentlich geredet wird. Wer hier noch zwischen Klimaschutz und Investitionsschutz unterscheiden kann, darf sich gern bei der nächstgelegenen Brüsseler Eingangshalle melden, dort gibt es ein Häferl Kaffee und eine Teilnahmebestätigung.
Österreich, heldenhaft wie stets, sitzt derweil auf einem der dichtesten Schnellladenetze Europas. So dicht, dass die Säulen einander schon fast freundschaftlich auf die Schulter klopfen. Nur leider fehlt das Publikum. Man findet in manchem Vorort eine E-Ladesäule, die mit derselben Haltung in der Landschaft steht wie der Diakon bei der Ministrantenwallfahrt, wenn keiner mitgekommen ist. Man könnte die blanke Polemik wagen und sagen, das sei ein Sinnbild für die Republik schlechthin: Infrastruktur, die besser ist als das, was die Menschen daraus machen, aber man möchte ja niemandem zu nahe treten. Außer der Vernunft, die ist sowieso schon auf der Flucht.
In Wahrheit hat der Zickzackkurs natürlich das bewirkt, was Zickzackkurse immer bewirken: Die Hersteller haben Milliarden in die E-Mobilität gesteckt, um dann festzustellen, dass auch weiterhin Verbrenner gebraucht werden, also haben sie Milliarden zurückgesteckt, um irgendwann wieder umzuschwenken. Die Zulieferer, einst als Helden der Transformation gefeiert, stehen nun da wie Statisten in einem Stück, dessen Regisseur täglich das Drehbuch wechselt. Und die Verbraucher, also wir, also die, die das alles bezahlen dürfen, kaufen weiterhin das, was noch halbwegs bezahlbar ist und morgen nicht verboten sein könnte, was natürlich eine hervorragende Strategie ist, wenn man auf planbare Verhältnisse steht.
Dass ausgerechnet in dieser Lage die Ladesäule zur tragischen Figur der Republik wird, hat eine gewisse Poesie. Sie steht da, blitzblank, funktioniert sogar meistens, und wartet. Auf ein Land, das sich nicht entscheiden kann. Auf eine Industrie, die sich nicht entscheiden darf. Auf eine Politik, die sich nicht entscheiden will. So gesehen ist die einsame Ladesäule weniger ein technisches Problem als ein Denkmal. Es erinnert uns daran, dass auch der größte Fortschritt irgendwo anfängt, nämlich an einem Parkplatz in Niederösterreich, an dem um drei Uhr nachmittags kein Mensch steht und es auch in fünf Jahren nicht tun wird, sofern sich bis dahin nicht jemand traut, den Stecker wirklich reinzudrücken.