Man darf sich durchaus fragen, ob der Internationale Olympische Ausschuss eigentlich jemals in Oberndorf an der Melk vorbeigeschaut hat, denn sportlich gesehen passiert dort gerade Großes. Die Landjugend hat ein Tischtennis- und Dartturnier ins Dürrhäusl verlegt, also in jenen Wirtshaustempel, wo sonst nur die Jukebox zwischen den Gästen vermittelt. Die Atmosphäre war erwartungsgemäß eine Mischung aus Landesturnfest, Feuerwehrheurigem und dem ganz leisen Piepen einer Carrera-Bahn.
Den Auftakt bildeten die Disziplinen, die der gemeine Mitteleuropäer für gewöhnlich nach dem dritten Bier ausübt, hier aber als Hochleistungssport zelebriert wurden. Beim Dart bewies Lukas Schagerl aus Scheibbs, dass die ruhige Hand nicht nur beim Kren-Schneiden auf Omas Hof, sondern auch beim Wurf auf die Scheibe funktioniert. Man darf unterstellen, dass die lokale Brauerei kurzzeitig mit einem Engpass an Mineralwasser rechnen musste, weil die Sektkorken in der Region knapp wurden.
Beim Tischtennis wiederum setzte sich Jürgen Hölzl aus Wieselburg durch, also aus jener Stadt, die ohnehin den Ruf genießt, für jeden menschlichen Leistungsbereich mindestens einen Kandidaten stellen zu können, der die Konkurrenz mit einer Mischung aus Wiener Schmäh und Viertelliter-Konzentration zerlegt. Sein Spiel wurde von Kennern als „konsequent unaufgeregt“ beschrieben, was im Klartext heißt: Er hat die Bälle genau dorthin gespielt, wo der Gegner nicht war, und dabei kaum geschwitzt.
Dass es sich um kein gewöhnliches Wirtshausspektakel handelt, wird spätestens bei der Frage deutlich, welche Härte die Veranstalter an den Tag legten. Es wurde gewertet. Streng. Mit Listen, Kugelschreiber und einer Jury, die aussah, als würde sie gleich die Umsatzsteuerprüfung für einen Buschenschank eröffnen. Wer zu früh jubelte, bekam einen Blick, der in der Bundesliga für sechs Wochen Sperre reichen würde. Wer zu spät jubelte, wurde gnadenlos in die Endtabelle durchgereicht, wo sein Name in einer Schriftgröße erscheint, die jeder Dorfwirt sonst nur für die Wochenkarte verwendet.
Natürlich drängt sich die Frage auf, was solche sportlichen Großtaten für die Region bedeuten. Antwort: fast nichts, und genau deshalb feiert man sie. Während in Wien über Tempolimits und Wahlumfragen debattiert wird, entsteht im Erlauftal eine Heldensaga, die in hundert Jahren Thema in der dritten Auflage des Feuerwehr-Chronik-Bandes sein wird. Man wird lesen: Im Jahre des Herrn siegte Schagerl im Dürrhäusl, und das Volk war zufrieden.
Den größten Nebeneffekt hat ohnehin die Heizung des Lokals. Denn wer mit voller Wucht an die Wand wirft, auf die Scheibe zielt oder den Plastikball in die letzte Ecke knallt, der sorgt für eine sportliche Eigentemperatur, die jeder Pelletsheizung Konkurrenz macht. Bleibt nur zu hoffen, dass die Landjugend beim nächsten Mal einen Medaillenspiegel aushängt, der den von Peking in den Schatten stellt. Sonst bleibt halt alles, wie es immer war: ein Tisch, ein Ball, ein Pfeil, und ein Bezirk, der sich für drei Abende im Jahr wie Athen fühlt.