Es ist 5.37 Uhr in Oberösterreich, also genau jene Tageszeit, in der der aufrechte Innviertler normalerweise noch mit dem linken Bein im Traumland steht und mit dem rechten unter der Bettdecke nach der Snooze-Taste tastet. Genau in diesem heiligen Moment klingelte bei den Kameraden aus Lenzing das Telefon, als hätte jemand die örtliche Sirene mit dem Schlagzeug eines Böhmermann-Konzerts vertauscht. Brand Gewerbe. Eine Sammelkategorie, die selbst gestandenen Florianijüngern noch das letzte Schlafhormon aus den Augen treibt.
Weil offenbar ein einzelner Glimmbrand in Oberösterreich sofort zum Großereignis wird, mussten auch die Wehren aus Vöcklamarkt, Reibersdorf, Timelkam, Seewalchen am Attersee und sogar die hauseigene Werksfeuerwehr der Lenzing AG aus den Federn hüpfen. Sechs Feuerwehren für einen einzelnen Brand. Man darf das ruhig so sagen: Wenn das die Personalpolitik der Zukunft ist, dann braucht es bei der nächsten Grillparty im Vorgarten eine eigene Einsatzzentrale.
Vor Ort bot sich den Anrückenden das Bild, das sich ein passionierter Katastrophentourist wünscht, wenn er sich traurige Urlaubsfotos aus dem Innviertel anschaut: eine meterhohe Rauchsäule über dem Gewerbegebiet, die vermutlich kilometerweit sichtbar war und selbst schlafenden Hunden in Ried noch eine zweite Meinung zum Wetter bescherte. Im Inneren der Firma, die laut übereinstimmenden Laiendiagnosen irgendetwas mit 3D-Druck für medizinische Zwecke herstellt, kämpften die Einsatzkräfte gegen Flammen, die offenbar denselben medizinischen Eifer an den Tag legten wie ihr Produkt.
Eine Person musste mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung ins Spital. Was wieder einmal beweist, dass die oberösterreichische Rettung den härtesten Job des Landes hat. Man wird aus dem Schlaf geklingelt, atmet zwei Stunden lang das ein, was ein normaler Mensch auf der Autobahn unter der Lärmschutzwand schon beim Stehenbleiben aufnimmt, und darf danach beim Frühstück im Spital erklären, warum man beim Frühstück fehlt. Sollte irgendjemand in dieser Firma die Idee gehabt haben, mit dem Feuer zu kochen, dann hätte er das auch in einer Pfanne auf dem Herd versuchen können, immerhin ist das Ergebnis vorhersehbarer.
Die Brandermittler traten am Mittwoch bereits vor Ort an, was die Sache natürlich in jene Sphäre hebt, die man im Beamtenjargon gerne als konzertierte Aktion bezeichnet. Sie werden ermitteln, wo der Brand ausgebrochen ist. Falls sie dabei auf die Idee kommen, dass es der 3D-Drucker war, kann man nur sagen: Die Geräte haben sich in den letzten Jahren von reinen Plastikproduzenten zu sensationshungrigen Showmaschinen entwickelt. Erst streiken sie, dann fangen sie an zu rauchen, und am Ende verlangen sie vermutlich noch nach einer eigenen Gewerkschaft und einer Betriebsratswahl.
Wirklich spannend wird die Geschichte aber erst, wenn man bedenkt, was jetzt alles an Erklärungen folgen wird. Die Firma wird betonen, dass höchste Sicherheitsstandards herrschen und man sich bei den Kunden für die Unannehmlichkeiten entschuldigt. Die Feuerwehr wird in einer gemeinsamisch unterzeichneten Pressemitteilung darauf hinweisen, dass man jederzeit zur Stelle war, falls die meterhohe Rauchsäule Hilfe brauchte. Der Spitalpatient wird beim nächsten Stammtisch erklären, dass es eigentlich nur ein leichtes Kratzen war und er schon nach einer halben Semmel wieder einsatzbereit gewesen wäre. Und die Innviertler werden sich einig sein, dass das alles eigentlich nur ein lauer Vorgeschmack auf den nächsten Christkindlmarkt ist, bei dem die Feuerwehr traditionell die Hauptdarstellerin spielt. Man darf gespannt sein, ob der Drucker beim nächsten Mal wenigstens vorher Bescheid, dass er ausfallen möchte.