Es ist wieder soweit. Die Republik entdeckt ein Spurenelement, und prompt wird aus jeder Küche ein Forschungslabor und aus jedem Brunnen eine Therapiequelle. Lithium, dieses schöne, leichte, leicht überdosierbare Metall, das seit Jahrzehnten brav in psychiatrischen Ambulanzen Schilddrüsen zerlegt, hat jetzt einen neuen Fanclub. Der nennt sich Longevity, trägt gerne Bionade und spricht ununterbrochen von Autophagie, als wäre das ein Yoga-Stil aus dem Burgenland.
Die Botschaft ist so simpel wie beruhigend: Wer ein bisschen davon schluckt, vergisst vielleicht nicht seinen Ehepartner, dafür aber die Nebenwirkungen. Eine Studie, irgendwo in einem Labor, hat Mäusen das Gedächtnis zurückgebracht. Wichtigste Folgerung in Wien: Was Mäusen hilft, hilft auch dem Mitteleuropäer in der Midlife-Crisis, insbesondere wenn er in einem Podcast über Cortisolmaxxing jammert. Dass die erwähnten Mäuse keine Lebensversicherung besitzen, in einer kontrollierten Umgebung leben und nie eine Wiener Stammtischdiskussion über ihren Schlaf führen mussten, ficht die neue Frömmigkeit nicht an.
Denn dann kommen die Koryphäen. Ein Mediziner und Präsident einer Akademie mit so klangvollem Namen, dass er schon beim Aussprechen heilt, verschreibt Lithium nur unter drei Bedingungen: Brainfog, Schlafstörung, depressive Verstimmung. Das ist medizinisch betrachtet eine bemerkenswert vollständige Beschreibung des Zustands, wenn man am Montagmorgen die E-Mails vom Wochenende öffnet. Game-Changer, sagt er. Alles ist Game-Changer, sobald man es in Kapseln füllen und in einen kleinen Becher am Esstisch stellen kann.
Ein zweiter Arzt, orthomolekular unterwegs, eine Disziplin, die klingt wie ein besonders strenger Teilbereich der Geometrie, warnt dann vor genau dem, was der erste empfiehlt. Erst Labor, dann Blut, dann nochmal Blut, dann vielleicht ein Salat mit Paranüssen, und überhaupt alles über die Nahrung, weil natürlich der sichere Weg. Nach drei Monaten darf man dann, sofern der Wert nicht passt, das wiederholen, was man eigentlich schon vermeiden wollte. So entsteht in Österreich eine neue Esoterik der zwei Praxisadressen, die sich gegenseitig überweisen wie einst die Bälle zwischen Bundesländerregierungen.
Die wahre Pointe aber liefert die Verwaltung. Lithium ist kein Nahrungsergänzungsmittel, also braucht es ein Rezept. Rezept bedeutet Behörde, Behörde bedeutet Weg, Weg bedeutet österreichischen Sonderweg. Der Patient klickt sich also durch ein Formular, das in seiner Struktur einem Antrag auf die Familienbeihilfe ähnelt, geht zum Hausarzt, dann zum Spezialisten, dann zur Apotheke, die gerade am Mittwoch Nachmittag geschlossen hat. Am Ende hält er ein weißes Packerl in der Hand, bezahlt den Selbstbehalt und fühlt sich bereits beim Bezahlen etwas gesünder, weil Selbstbehalt bekanntlich ein Placeboeffekt ist.
Derweil diskutiert die Republik über die optimale Quelle. Brunnenwasser? Mineralwasser? Eigenes Verdampfen? Eine burgenländische Kleinstadt hat bereits angekündigt, ihr Leitungswasser mit dem Zusatz „Jungbrunnen aus der Region“ zu vermarkten, was sowohl gegen das Lebensmittelrecht als auch gegen die Hydrologie verstößt, aber beides hat den Bürgermeister noch nie aufgehalten. Die Gemeinde erhofft sich steigende Zuzugszahlen von Menschen, die das biologische Alter mit dem Postleitzahlwechsel synchronisieren möchten.
Am Ende bleibt Lithium, was es immer war: ein ernstes Medikament, das in ernsten Dosen Schilddrüsen und Nieren schädigt und in winzigen Dosen vielleicht irgendetwas tut, was die Mäuse freut. In Österreich aber wird es zur Lifestyle-Operette mit Rezeptblock, Sitzplatz im Wartezimmer und einem Mineralwasser aus den Alpen, das fortan als Wellnessgetränk deklariert wird. Prost, auf das ewige Leben. Die Nebenwirkungen besprechen wir beim nächsten Termin, der ohnehin in acht Wochen ist.