Am Hockenheimring hat jemand die Stecker gezogen. Nicht an der Anlage, sondern an der Toleranz. Die Band Alphaville, deren größter Hit klingt, als hätte ein Teenager 1984 seine Hausaufgaben ins Tonstudio getragen, wurde ausgeladen, weil ihr Sänger Marian Gold den ungeheuerlichen Verdacht äußerte, dass Demokratie vielleicht ganz okay sei. Zu viel Politik, hieß es. Auf einem Festival. Bei dem Zehntausende gemeinsam grölen, saufen und für drei Tage so tun, als wäre die Welt ein Kirtag. Politikfreier Raum, versteht sich. Also ungefähr so politisch wie ein Freibad, in dem das Wasser aus der Kläranlage kommt, aber bitte ohne Hinweis auf die Herkunft.
Der Veranstalter Markus Krampe, der das Spektakel gemeinsam mit Lukas Podolski organisiert, einem Mann, der beruflich bedingt den Geruch von Kabinen und Kunstrasen gewohnt ist, ruderte anschließend zurück und zwar so laut, dass man es bis Stuttgart hörte. Es war ein Fehler, gab er zu. Man habe sich verkalkuliert. Die Wiedereinladung folgte auf dem Fuß, garniert mit dem Satz, es sei keine Kapitulation, sondern eine bewusste Entscheidung. Das ist ungefähr so überzeugend wie ein Bürgermeister, der nach einem Skandal beteuert, er habe die Kameras die ganze Zeit nur aus ästhetischen Gründen installiert.
Alphaville lehnte höflich ab. Die Gage geht jetzt an eine gemeinnützige Organisation, was die schönste Pointe der ganzen Geschichte ist, denn am Ende finanziert der Festivalveranstalter mit seinem eigenen Geld die Wiedergutmachung dafür, dass er einer Band verbieten wollte, auf seiner Bühne das zu sagen, was jeder Gemeinderat in Baden-Württemberg jeden zweiten Dienstag in die Protokolle rülpst. Man stelle sich das in Österreich vor. Bei uns hätte man einfach gesagt: Passt scho, Burschen, habt ihr euren Auftritt, und nachher trinken wir einen, dann reden wir über alles. Fertig. Kein Staatsakt, kein dreifacher Kranzniederlegungsversuch, keine Pressekonferenz mit zitternden Händen.
Unterstützung kam von Campino, der es in Münster als Überschreitung einer neuen Grenze bezeichnete, und von Mateo von Culcha Candela, der gleich noch eine Stufe zulegte und fragte, ob Deutschland nicht mehr Deutschland sei, eine Frage, die in jedem Bundesland anders beantwortet wird und nirgendwo beruhigend. Der Sänger kündigte an, auf der Bühne zu sagen, was er von der AfD halte, und zwar lauter denn je, sofern man ihn nicht vorher auslade. Das ist der Zustand der Republik: Künstler kündigen Auftritte an, in denen sie ihre Meinung sagen dürfen, und tun so, als wäre das eine Heldentat. Aber immerhin. Es ist halt auch nicht nichts, wenn eine Band auf einem Festival in Hockenheim sagen darf, dass sie gegen Nazis ist. Willkommen im Land der großen Gesten.
Am Ende bleibt ein Festival, das sich selbst feiert, ein Sänger, der das Rentenalter erreicht hat und trotzdem noch wissen will, was Meinungsfreiheit ist, ein Fußballer als Kulturorganisator, der vermutlich dachte, ein Konzert sei wie ein Elfmeterschießen, bei dem man einfach die Reihenfolge der Spieler bestimmt, und ein Land, das kollektiv den Atem anhält, wenn ein Mikrophon eingeschaltet wird. Glücksgefühle nennt sich das Ganze. Wer Ironie findet, darf sie behalten.