Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein milliardenschwerer Konzern aus dem Silicon Valley erkennt, dass das eigentliche Problem nicht die Technik ist, sondern die Menschen, die damit hantieren. Also hat man bei Meta jenen Schritt gewagt, den sonst nur österreichische Gemeinden beim Spielplatz-Neubau setzen: Man hat die Kameras einfach abgedreht. Tausende Linsen, die einst darauf programmiert waren, Damen beim Schaufensterbummel und Herren beim Schnitzel-Wenden abzulichten, glotzen jetzt ins Nichts. Oder in die eigene Betriebsanleitung. Wer weiß das schon.
Die offizielle Begründung klingt, wie sie klingen muss: Man nehme die Bedenken der Datenschützer sehr ernst, habe umgehend reagiert und wolle eine vertrauensvolle Beziehung zu den Nutzerinnen und Nutzern aufbauen. Das kennt man. Das sagt die Wiener Linie, wenn der Aufzug am Praterstern wieder einmal drei Tage steht, das sagt die Stadtgemeinde Mistelbach, wenn der Skaterplatz im Winter zur Pfütze wird, und das sagt jeder Hausmeister, der das Klo im dritten Stock seit 2019 nicht repariert hat. Sehr ernst nehmen. Umgehend reagieren. Vertrauen aufbauen. Drei Sätze, die in Österreich sonst nur bei der nächsten Wahlplakat-Welle funktionieren.
In Wahrheit hat man natürlich nicht aus edlen Motiven gehandelt, sondern weil die Studie, die das gezielte Filmen von Frauen dokumentiert, offenbar genau jene Sorte Beweis war, die sogar die eigene Rechtsabteilung nicht mehr wegmoderieren konnte. Was bis vor Kurzem noch als cooles Feature galt – live mitschneiden, was rundherum passiert –, ist plötzlich die Art von Belästigung, die man früher nur von Onkeln auf Familienfeiern kannte. Nur dass Onkel Heinz wenigstens nicht in die Cloud streamt.
Nun wird also zurückgeschraubt. Nicht zu viel, versteht sich. Schließlich ist das Geschäftsmodell ja das Beobachten. Man dreht die Kameras ab, aber das Mikrofon bleibt. Man verspricht Privatsphäre, lässt aber die KI weiter mitlesen. So ähnlich, wie wenn die Gemeinde eine Parkbank aufstellt, aber gleichzeitig den Parkplatz vor dem Gemeindeamt für den Bürgermeister reserviert. Datenschutz mit Handschlagqualität, sozusagen.
Die Reaktion in Österreich fällt, wie immer, zweigeteilt aus. Die einen feiern die mutige Entscheidung und fordern gleich ein Verbot sämtlicher tragbarer Elektronik, die mehr kann als ein Kugelschreiber. Die anderen fragen sich, wie sie jetzt noch unbemerkt die Exfrau beim Billa beobachten sollen, wo doch die Brille immerhin ein modisches Accessoire war, das nicht nach Stalking aussah. Und die dritte Gruppe – die mit den Hoodies und den Schlabberhosen – fragt sich, ob das jetzt auch heißt, dass man endlich wieder normal essen kann, ohne dass irgendein Algorithmus das Sandwich bewertet.
Am Ende wird vermutlich alles gut, so wie immer, wenn Konzerne aus Übersee in Österreich etwas abschalten. Man wird sich kurz empören, einen runden Tisch fordern, einen parlamentarischen Entschließungsantrag einbringen und dann zur Tagesordnung übergehen. Die Brille liegt in der Schublade, der Akku ist bald leer, und die Kamera ist aus. Wäre ja gelacht, wenn man in diesem Land nicht auch das hinkriegt.