Rund eine Million Menschen in Österreich haben Migräne, und die andere Million erklärt ihnen gerade, was Migräne wirklich ist. Kaum eine Krankheit wird so eifrig mitgemeint, so kollegial wegberaten und so schwungvoll vererbt wie diese. Da sitzt die Schwiegermutter am Sonntagstisch, knetet die Schläfen und doziert, man solle halt mehr Wasser trinken, weniger Rotwein, weniger Handy, weniger Charakter. Man selbst sitzt daneben mit einer Aura, die aussieht wie ein kaputter Christbaum, und nickt höflich. Weil man die Migräne hat. Nicht die Schwiegermutter.
Mythos Nummer eins, besonders beliebt bei Onkeln: Migräne ist nur Kopfschmerz. Klingt plausibel, ist aber ungefähr so präzise wie die Aussage, ein Tsunami sei nur Wasser. Wer das glaubt, hat noch nie zugesehen, wie sich ein halber Liter Hirn unter der Schädeldecke neu sortiert. Das ist Kopfschmerz ungefähr so ähnlich wie ein Stau auf der Tangente ein romantisches Picknick ist.
Mythos Nummer zwei: Migräne kommt vom Stress. Stress, also das bisschen Arbeit, Familie und Steuererklärung, das einem der Staat so liebevoll aufs Auge drückt. Klar, alles Stress. Bloß hat die Statistik die gemeine Eigenschaft, dass die meisten Attacken am Samstagmorgen passieren, wenn der Stress längst zu Hause geblieben ist und nur die Katze einen genervt hat. Der Auslöser ist also meistens das, was eigentlich Erholung sein sollte. Willkommen im Leben.
Mythos Nummer drei: Wer Migräne hat, ist empfindlich. Das ist der Lieblingssatz der Gesellschaft, gleich nach „wird schon wieder“ und „Schatzi, ich hab auch Kopfweh“. Empfindlich, also zu weich für die Realität, zu zart für die Luft, die einem andere Menschen zum Atmen geben. Interessant, dass diese Diagnose fast nie von jemandem kommt, der selbst je eine Attacke hatte. Empfindlich ist in Österreich übrigens ein anderes Wort für „mich nervt, dass du krank bist, während ich es nicht bin“.
Mythos Nummer vier: Schokolade hilft. Vor der Attacke ja, sagt die Forschung, nach der Attacke hilft alles, was Kalorien hat, die man nicht zählen muss. Davor heißt es, der Heißhunger sei ein Frühwarnsystem. Was die Forschung verschweigt, ist, dass man sich zwischen Mini-Schoko und Würge-Reiz entscheiden muss, und beides gleichzeitig geht nur in Ausnahmefällen, etwa wenn die Schwiegermutter die Tafel versteckt hat.
Mythos Nummer fünf: Migräne hat man nur, wenn man zu viel Wein trinkt. Falsch. Migräne hat man auch, wenn man gar keinen Wein trinkt, weil der Wein schon ausgetrunken ist. Oder wenn man nur am Geruch vorbeigeht. Oder wenn der Nachbar grillt. Die wahre Ursache ist eine Laune der Evolution, kombiniert mit dem Wetter und einem Nervensystem, das aus einer Zeit stammt, in der wir noch vor Säbelzahntigern wegrennen mussten, nicht vor E-Mails der Hausverwaltung.
Mythos Nummer sechs: Migräne ist eine Frauenkrankheit. Stimmt. Und die Steuern zahlen auch nur die Männer. Und der Haushalt. Und das Klo-Putzen. Es gibt eben Themen, die haben ein Geschlecht. Statistisch gesehen trifft es Frauen häufiger, statistisch gesehen halten Männer es aber auch häufiger für Einbildung, was wiederum ein Beweis dafür ist, dass Statistik manchmal die höflere Form von Ahnungslosigkeit ist.
Mythos Nummer sieben: Tabletten heilen Migräne. Tabletten lindern Migräne, das ist ein himmelweiter Unterschied, den die Pharmaindustrie in ihren Hochglanzbroschüren regelmäßig mit einem sanften Lächeln überspringt. Wer glaubt, mit der Einnahme von zwei bunten Pillen sei die Sache erledigt, glaubt vermutlich auch, dass ein Pflaster gegen den Zahnarzt hilft.
Mythos Nummer acht: Migräne verschwindet im Alter. Verschwindet im Alter so ungefähr alles, was jünger nicht verschwunden ist. Die Migräne geht, dafür kommen Kreuzweh, Prostatakummer, Schwerhörigkeit und der Enkel, der einem die Fernbedienung klaut. Ein gerechter Tausch, sagen die einen. Ein schlauer Deal, sagt die Pharmaindustrie.
Mythos Nummer neun: Migräne ist Einbildung. Sie ist keine Einbildung. Sie ist eine neurologische Erkrankung mit Lichtblitzen, Übelkeit, Sprachstörungen und dem brennenden Wunsch, die gesamte Außenwelt möge sich bitte für vier Stunden in Luft auflösen. Wer das Einbildung nennt, hat vermutlich noch nie versucht, bei einem Anfall die richtige Wörter-App auf dem Handy zu finden.
Mythos Nummer zehn: Man muss einfach positiv denken. Das ist der finale Tipp, den alle geben, die keine Migräne haben, weil Positivdenken die einzige Waffe ist, die sie gegen Migräne, gegen Kummer und gegen die Weltformel noch nicht ausprobiert haben. Man solle halt lächeln, durchatmen, Yoga machen, sich selbst lieben, ätherische Öle schnuppern. Wer das glaubt, hat vermutlich auch noch nie versucht, beim siebten Lichtblitz den Lotusberg einzunehmen.