Es gibt Momente, da versteht man die Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht wegen ihrer Verfassung, nicht wegen ihrer Präsidenten, sondern wegen jener kleinen, alltäglichen Gesten, die das wahre Wesen einer Großmacht offenbaren. Ein Mann randaliert im Flugzeug, und was passiert? Man nimmt Klebeband. Nicht den professionellen Sicherheitsgurt, nicht die diplomatisch formulierte Ansage, sondern einfach ein ordentliches Stück Tape aus der Wartungsabteilung. Zack, festgeklebt, Problem gelöst, nächster Flughafen bitte.
Man muss sich das einmal vorstellen, ganz in Ruhe, am besten in der eigenen Küche mit einer Tasse Kaffee. Ein erwachsener Mensch sitzt in einer Maschine, die im Moment immerhin zwischen 800 und 900 Stundenkilometer macht, wird also weder mit einem strengen Blick noch mit einer Durchsage noch mit der Androhung juristischer Konsequenzen zur Räson gebracht, sondern mit derselben Methode, mit der man zu Hause die Katze vom Springen auf den Küchentisch abhält. Klebeband. Die Humanität fliegt hier nicht mit, die wird offenbar vor dem Gate abgegeben, gemeinsam mit dem letzten Rest Sinn für Verhältnismäßigkeit.
Natürlich könnte man jetzt einwerfen, dass die Crew in solchen Situationen unter enormem Druck steht, dass Passagiere manchmal tatsächlich ausrasten und dass irgendetras passieren muss. Richtig. Aber genau deshalb gibt es Handfesseln, Sitzgurte, Polizisten am Zielflughafen und einen ganzen Werkzeugkasten an Eskalationsstufen, die irgendwo zwischen höflicher Bitte und behördlicher Ingewahrsamme liegen. Klebeband gehört in dieser Reihe etwa so selbstverständlich hin wie ein Bausatz von IKEA in die OP-Vorbereitung. Funktioniert theoretisch, sieht aber nachher komisch aus.
Wirklich köstlich wird die Sache, wenn man überlegt, was diese Aktion über die Servicekultur der Branche verrät. Jahrelang wird den Fluggästen erzählt, sie seien keine Kunden, sondern Gäste, man buhle um ihr Wohlbefinden, die Lounge sei bald ein zweites Wohnzimmer, man wolle das Reisen neu erfinden. Und dann, wenn einer aus der Reihe tanzt, wird er mit dem gleichen Material an die Sitzschale gefesselt, mit dem ein Umzugsunternehmen die Wellpappe zuklebt. Das ist die ehrlichste Wirtschaftsbeziehung, die die Luftfahrt je hervorgebracht hat: zahlen, sitzen, parieren, fertig.
Besonders charmant ist auch der mediale Beifall, der einer solchen Geschichte folgt. Jeder noch so banale Ausraster wird inzwischen mit einer Sorgfalt dokumentiert, als ginge es um historische Reden. Das Klebeband wird zum Symbol, der Fluggast zur Randfigur einer Erzählung, die sich selbst nicht entscheiden kann, ob sie nun Warnung, Anekdote oder Satire ist. Die Fluggesellschaft wiederum bestätigt höflich, bedauert möglicherweise und geht dann wieder an Bord, wo das nächste Klebeband schon bereitliegt. Man hat ja Erfahrung.
Vielleicht ist das aber auch einfach die ehrlichste Form von Luftfahrt, die Amerika zu bieten hat. Keine Höflichkeitsfloskeln, keine beschwichtigenden Sätze, kein diplomatisches Gerede über die persönliche Reise des Passagiers. Stattdessen: Du benimmst dich nicht, du wirst Bestandteil der Kabinenausstattung. Das ist in seiner Brutalität geradezu tröstlich ehrlich. Kein Theater, kein Wellness-Programm, keine Mood-Lighting-Revolution, sondern eine simple mechanische Lösung für ein einfaches zwischenmenschliches Problem.
Und wer jetzt glaubt, das sei ein amerikanisches Spezifikum, der darf sich getrost zurücklehnen. Sobald die nächste Maschine ausfällt, das Wlan streikt und der dritte Passagier in der Schlange am Gate aus der Haut fährt, werden auch hierzulande Stimmen laut, die heimlich fragen, ob man nicht auch ein bisschen Klebeband im Handgepäck hätte. Bis dahin aber bleibt die Erkenntnis: Die wildeste Flugreise ist nicht die, die man plant, sondern die, auf der man am Ende Bestandteil der Bordküche wird.