Stellen Sie sich vor, Sie sitzen abends gemütlich beim Kaffee, das Kreuzworträtsel ist schon durch, die Katze ist versorgt, und jetzt soll auch noch das mittelschwere Sudoku in unter neunzig Minuten gelöst werden, weil sonst eine Strafe von drei Euro fällig wird. So geht es dem armen Herrn Leopold P. aus dem zehnten Bezirk, der eigentlich nur ein bisschen knobeln wollte und jetzt eine offizielle Mahnung im Briefkasten hat.
Das neue System, eingeführt von einer Magistratsabteilung, die bittet, ihren Namen nicht zu nennen, weil sie ohnehin niemand kennt, sieht vor, dass jedes mittelschwere Rätsel ab sofort als Prüfungsformat gilt. Wer die Zahlen nicht innerhalb der vorgesehenen Zeit in die Kästchen schreibt, bekommt einen Eintrag in eine digitale Rätselakte, die mit der Wohngemeinde, der Gebietskrankenkassa und, falls vorhanden, dem Hausmeister geteilt wird.
Die Behörde, die sich selbst gern als modern, bürgernah und unbedingt notwendig beschreibt, teilte dem Betroffenen mit, er möge sich frühzeitig Gedanken über die richtige Reihenfolge seiner Ziffern machen. Wer schon im Vorfeld Fehler vermeide, so der Tenor der Mitteilung, müsse hinterher keine Konsequenzen tragen. Diese Logik kennt man sonst nur aus Wahlkampfreden von Menschen, die gleichzeitig versprechen, dass alles billiger wird, obwohl alles teurer wird.
Besonders pikant ist die Begründung, warum mittel und nicht schwer gewählt wurde. Schwere Rätsel gelten als elitär, leichte als bevormundend, also blieb mittel. Eine Begründung, die jede Wiener Hausfrau sofort versteht, weil sie exakt der Logik entspricht, mit der auch die Parkraumbewirtschaftung in der Praterstraße erklärt wird.
Der Betroffene hat mittlerweile einen Termin bei der Bürgerdienststelle beantragt, um Einspruch zu erheben. Er wurde auf den 17. März nächsten Jahres vertröstet, mit dem Hinweis, dass er bis dahin bitte üben möge. Sein Antrag auf vorläufige Tolerierung einer ungelösten Drei in der linken oberen Ecke wurde abgelehnt, weil unfertige Zahlen das Stadtbild gefährden.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass in dieser Stadt kein noch so kleines Kästchen leer bleiben darf, wenn eine Behörde es einmal entdeckt hat. Am Ende wird vermutlich noch die Hundesteuer an die Anzahl der richtigen Lösungen gekoppelt, und wer dann immer noch glaubt, ein harmloses Rätsel sei ein harmloses Rätsel, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.