Es gibt einen Moment im Leben jedes Tiroler Denkmalschützers, in dem die feine Klinge der historischen Sensibilität stumpf wird gegen das, was die Eventbranche landauf landab gerne „kulturelle Erschließung" nennt. Heißt übersetzt: Man nimmt etwas Altes, das noch steht, und stellt Lautsprecher daneben. Fertig ist das neue Kulturerlebnis, und die Verantwortlichen können sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie mal wieder das Schöne mit dem Nützlichen verbunden haben. Hauptsache, das Erbe steht noch, wenn am Montag die Reinigung kommt.
Schloss Tratzberg ist nicht irgendeine Burg. Schloss Tratzberg ist eine jener Anlagen, in denen man sich eigentlich in ehrfürchtigem Halbflüster fortbewegen sollte, schon allein wegen der Bodenfliesen aus der Renaissance und der feinen Akustik, die früher einmal für Madrigale reserviert war. Nun also Madrigal ade, hallo Tieftöner. Irgendwer hat sich hingesetzt, tief eingeatmet und entschieden, dass die Welt genau das braucht: Einen Rave, wo einst Kaiser Maximilian seine Trinkgelage abhielt. Der historische Flair bleibt, wird aber künftig vom Subbass übertönt.
Man darf sich das bildlich vorstellen. Da stehen jahrhundertealte Mauern, die schon Pest, Türken und diverse Regentschaften überlebt haben, und plötzlich wackelt die Innenhoffassade, weil ein DJ im Innenhof gerade den perfekten Drop gefunden hat. Es ist, als würde man einen alten Onkel zum Breakdance zwingen. Geht, sagt er, aber er wird danach nie wieder derselbe sein. Das Mauerwerk schweigt aus Höflichkeit, aber man sieht ihm an, dass es innerlich zittert. Soll es halt, sagt sich das Publikum, hat ja schöne Rabattcodes über die Tourismus-App bekommen.
Die Veranstalter versprechen natürlich das Übliche. Ein einmaliges Erlebnis, sagt die eine. Kultur im neuen Gewand, sagt der zweite. Synergie zwischen Tradition und Moderne, schwadroniert der dritte, und alle meinen dasselbe, nämlich dass an einem Wochenende im Spätsommer halt irgendwo getanzt werden muss und die Burg halt verfügbar ist. Schöner Nebeneffekt: Die Karten kosten ein bisschen mehr als ein normales Konzert, weil ja der Erhalt eines Kulturdenkmals mitfinanziert werden muss. Man trinkt also Aperol Spritz vor einer Fassade, die dem Vernehmen nach seit dem 13. Jahrhundert steht, und fühlt sich dabei ein bisschen wie ein Mäzen. Ist man aber nicht, man ist nur Partygast.
Wirklich unterhaltsam wird es aber, wenn man sich die Bewohner der Anlage vorstellt. Also nicht die jetzigen, sondern die historischen Geister, die laut diversen Reiseführern dort herumgeistern sollen. Die Herren in Rüstung, die edlen Damen, der gestrenge Burgvogt – wie die wohl reagieren, wenn plötzlich Scheinwerfer über den Hof zucken und die Bassboxen den Tresen erzittern lassen? Vermutlich bleiben sie höflich, wie es sich für Tiroler Adelige gehört, und warten, bis die Meute um vier Uhr früh wieder abzieht. Der Burggeist wird sich danach eine Longdrinkpause gönnen.
Was bleibt, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie aus dem Wort „Kulturerbe" im Hause Tiroler Tourismus zunehmend „Kulturer-lass-uns-mal-was-draus-machen" wird. Schloss Tratzberg wird also an diesem Wochenende zum Dancefloor, und das nicht zum ersten Mal. Man darf wetten: Der nächste Renaissancehof bekommt bald einen Pop-up mit Craft-Bier und Yoga, und der übernächste eine Lesung mit Livemusik vom DJ. Irgendwann steht dann in jedem Reiseprospekt: Historisch. Authentisch. Mit Parkplatz und WLAN. Das Burgensterben der Neuzeit findet nicht durch Verfall statt, sondern durch Beschallung. Die Mauern halten das aus. Die Seele des Denkmalschutzes weniger.