Es gibt Menschen, die hören das Wort Mobilität und denken sofort an Fortschritt, Freiheit, Demokratie und vielleicht auch an ein schönes Stück Kuchen im Zug. Andere denken an die Parkplatzsuche am Hauptplatz, die am längsten Freitag des Jahres gefühlt länger dauert als jede Bundesheerreform. Beide Lager dürfen sich jetzt freuen, denn eine Dame von der TU Graz hat die Zukunft gesehen, und sie hat sie nicht etwa in Los Angeles gesehen, sondern in Bielefeld, was im ersten Moment enttäuscht, im zweiten aber tröstet, weil Bielefeld bekanntlich jener Ort ist, an dem niemand vermisst wird, wenn er morgens nicht auftaucht.
In Bielefeld, so hört man, fahren neuerdings einsame Kabinen auf einzelnen Schienen herum, ganz für sich allein, wie ein Single auf dem Dancefloor einer Dorfdisco. Das Projekt heißt sinnigerweise Monocab Owl, wobei man sich als Laie fragt, ob die Eule schreit, wenn sie allein fährt, oder ob sie einfach schweigt wie ein Öffi-Kunde am Sonntagmorgen. Die Betreiber erklären feierlich, das sei eine Revolution des Vorhandenen, eine evolutionäre Rekombination, ein IPNV, also ein individueller Personennahverkehr, was im Grunde nur ein Öffi ist, bei dem man niemanden treffen muss, was vor allem für Pendler eine enorme Erleichterung darstellt, die bisher damit haderten, im Bus unfreiwillig Blickkontakt mit dem Nachbarn aufzunehmen.
Die Professorin lächelt beim Wort utopisch, und zwar so, wie Menschen lächeln, die genau wissen, dass ihr Vorschlag in zehn Jahren exakt so umgesetzt wird wie derzeit die radikale Steuererleichterung für kleine Einkommen, nämlich gar nicht. In der Stadt, so ihre Vision, wird das Auto weichen, nicht weil es verboten wird, sondern weil man es geschickt in ein Abo verwandelt, also aus Besitz wird Nutzung, aus Leidenschaft wird Flatrate, aus Liebe wird Leihgabe. Der Österreicher, der traditionell am liebsten besitzt, was er nicht braucht, und braucht, was er nicht besitzt, darf sich schon mal mental auf die schönste Kränkung seines Lebens vorbereiten, nämlich auf eine Garage ohne Auto, die trotzdem Garage heißt.
Damit das auch wirklich jeder kapiert, sollen ausgerechnet Seilbahnen herhalten, wie jene in Paris, wo man angeblich alle Barrieren einer Stadt überwinden kann, was in Wien vermutlich bedeutet, dass die Gondel am Ring einfach halt stundenlang steht, weil sich der Lenker in der Systempause befindet und der Wartungsmodus wegen Betriebsrates gerade auf 2037 verschoben wurde. Graz diskutiert das schon kontrovers, was als zarteste Steigerung von Kontroverse gilt, denn in Graz diskutiert man grundsätzlich alles kontrovers, vom Hund-bis-Mitternacht-Gesetz bis zur Frage, ob die Mur ein Fluss ist oder einfach eine Laune der Geographie. Dass eine Seilbahn das klären soll, ist eine gewisse Kühnheit.
Der schönste Satz aber bleibt jener, dass man die globalen Spieler überzeugen müsse, Gutes zu tun, als handle es sich bei Amazon, Uber und Konsorten um eine Jugendgruppe, die nur noch das richtige Sommerlager braucht, um endlich auf den Pfad der Tugend zu finden. Was übrig bleibt, ist das altbekannte Bild einer Expertin, die mit ruhiger Stimme erklärt, dass alles anders wird, bald, ganz bestimmt, und dass ältere Menschen dabei mitgedacht werden müssten, was einem in Österreich unweigerlich den Gedanken aufzwingt, dass dann das e-Card-System auf den E-Roller kommt und die Wahlarztpraxis künftig in der Gondel stattfindet, was die Wartezeit elegant von drei Monaten auf drei Höhenmeter verkürzt.
Im Jahr 2035 also fährt das Land mit Monocab-Owl-Kabinen über brachliegende Bahnstrecken, die Stadt hat Sharing-Autos, die niemand sharingt, und über allem schwebt eine Seilbahn, die ausgerechnet die Mobilitätsfrage löst, die bisher kein einziger Stadtrat, kein einziger Landesrat und kein einziger Verkehrsminister zu lösen imstande war. Bleibt nur eine kleine Frage offen, die die schöne neue Mobilitätswelt bislang nicht beantwortet hat: Was macht der Herr Innenminister, wenn die E-Roller-Sheriffs der Zukunft versuchen, eine Seilbahn-Gondel mit Tempo dreißig zu bändigen, in der ein alkoholisierter Pensionist sitzt und partout die Tür nicht aufmachen will.