In Oberösterreich hat sich ein tragischer Vorfall ereignet, den die zuständigen Stellen routiniert wie einen verlegten Dienstplan behandeln. Eine 53-Jährige verlässt das Areal einer psychiatrischen Einrichtung im Salzkammergut zu einem sogenannten üblichen und geplanten Ausgang. Wer bei diesem Begriff an einen Sonntagsspaziergang mit ärztlicher Begleitung denkt, hat das Wesen der modernen Psychiatrie leider noch nicht verinnerlicht. Geplant heißt hier offenbar vor allem, dass niemand genau weiß, wohin die Dame wollte, und üblich offenbar, dass die Verantwortlichen anschließend staunend auf den Polizeibericht starren.
Besonders bezaubernd ist die offiziöse Mitteilung, man habe die Polizei informiert, sobald die Dame nicht zurückgekehrt sei. So viel Engagement rührt. Es klingt, als hätte man minutenlang am Gartentor gewartet, die Schuhe der Verschwundenen betrachtet und sich dann für den behördlichen Weg entschieden. Wer an diesem Punkt eine innere Logik vermisst, befindet sich in guter Gesellschaft. Offenbar gehört es zum therapeutischen Konzept, Patientinnen mit Stichverletzungen durch die niederösterreichische Provinz irren zu lassen und die Aufklärung der anschließenden Kriminalistik zu überlassen.
Noch rührender wird es, wenn die Staatsanwaltschaft betont, es gebe keinerlei Neuigkeiten. Das ist die hohe Schule der Kommunikation. Man könnte natürlich auch sagen, dass man keine Ahnung hat, wer eine wehrlose Frau in der Nähe eines Flusses abgestochen hat, aber das wäre unprofessionell. Ermittlungstaktische Gründe sind da deutlich eleganter. Sie klingen wie eine diätische Maßnahme und schützen vor jeder Neugier. Solange niemand fragt, kann auch niemand antworten, und solange niemand antwortet, gilt die Sache als bearbeitet.
Erstaunlich gleichmütig bleibt auch der Spitalsträger. Da wird eine Patientin tot aufgefunden, und die Einrichtung liefert pressewirksam das Wort üblich nach. Üblich ist ein schönes Wort. Es nimmt jede Brisanz, jeden Vorwurf und jede Verantwortung in einem einzigen Hauch mit. Üblich, geplant, routinemäßig, alles halb so wild. So klingt das also, wenn eine Verwaltung in Habachtstellung über die eigenen Abläufe nachdenkt. Niemand fragt, niemand prüft, alle beruhigen sich gegenseitig.
Was bleibt, ist das Rätsel um eine tote Frau, ein Flussufer in einem Ortsteil, dessen Name so klingt wie eine bayerische Biersorte, und eine Institution, die ihre Patientinnen in die Welt entlässt, als wäre es ein gemütlicher Ausflug. Vielleicht liegt genau darin der therapeutische Ansatz. Wer das Verrückte draußen trifft, wird drinnen umso vernünftiger. Nur dass eine 53-Jährige aus dem Bezirk Gmunden diesen Erkenntnisgewinn nicht mehr genießen durfte.
Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die zuständigen Stellen bald wieder Neuigkeiten mitteilen. Vielleicht erfahren wir dann auch, was an dem Tag üblich war, warum niemand nachschaute und warum geplante Ausgänge in dieser Anstalt offenbar keinen Empfang am Ende haben. So ein Klinikum muss sich warm anziehen. Es ist schön, dass die Psychiatrie Fortschritte macht und die Patienten jetzt aktiv am Gemeinschaftsleben teilnehmen können, nur sollte das Gemeinschaftsleben nicht im Kriminalfach der Tageszeitung enden.