Stellen wir uns der Wahrheit: Irgendwer muss ja schuld sein. Eine 66-Jährige knallt auf einem Wanderweg in Schneizlreith mit dem Gesicht auf den Boden, und schon steht da ein Notarzt aus Bad Reichenhall, der vermutlich gerade noch Mittagspause hatte, und neun Bergretter, die alle gleichzeitig den Karabiner suchen. Offenbar ist das hier die neue Form von Respekt: Nicht den Wanderweg sicherer machen, sondern die Show drumherum.
Zuerst einmal das Wesentliche. Es gibt eine Gebirgstrage. Es gibt einen Haiderhof. Es gibt eine Kreisklinik, die den Namen einer Kleinstadt trägt, die den Namen eines Mannes trägt, der vor langer Zeit schlecht baden ging. Alles hat seinen Namen, alles hat seine Struktur, alles hat seine Zuständigkeit, und die arme Frau hat einen blutigen Mundwinkel. Während sie in der Trage liegt, wird sie in den Rettungswagen geschoben, wird in die Klinik gefahren, wird irgendwo versorgt, und die Staatsmaschinerie klappt so sauber wie ein Schnitzel auf dem Wiener Teller, nur mit weniger Geschmack und mehr Geklapper.
Was fehlt, ist die einzige Frage, die in solchen Fällen zählt. Nicht wer zahlt. Nicht welche Zuständigkeit greift. Nicht wie viele Helfer am Foto mitgewirkt haben. Sondern die simple, fast schon naive Frage, die in jedem ordentlichen Haushalt sofort gestellt würde: Kann die Frau wieder aufstehen. Offenbar kann sie das nicht. Offenbar war genau dieser Moment der Punkt, an dem die Wanderidylle endete und die Behördenlandschaft begann, sich selbst zu inszenieren.
Denn schauen wir genau hin. Da rücken neun Leute an, weil eine Person gestolpert ist. Eine Person. Die Mathematik allein ist schon eine Zumutung. Neun Menschen, die alle gleichzeitig Hügel hochlaufen, Ausrüstung schleppen, ernste Mienen aufsetzen, das Funkgerät ans Ohr halten und irgendwann auf einem Feldweg stehen, als wäre eine diplomatische Krise ausgebrochen. Und mittendrin die Frau, die wahrscheinlich nur gewollt hätte, dass ihr jemand aufhilft und ein Taschentuch reicht. Stattdessen bekommt sie das volle Programm.
Natürlich, man könnte jetzt zynisch werden und sagen, das sei übertrieben. Aber das ist es nicht. Das ist das System. Das System belohnt Sichtbarkeit, nicht Vernunft. Wer mit neun Leuten anrückt, bekommt einen Eintrag, eine Mitteilung, ein Dankeschön vom Roten Kreuz und im Idealfall einen Zeitungsbericht. Wer einfach fragt, ob die Frau wieder aufstehen kann, bekommt nichts. Gar nichts. Höchstens einen Wanderverband, der ihm erklärt, dass das so nicht gehe, dass man die Regeln einhalten müsse, dass Zuständigkeiten zu wahren seien.
Und so wandert die Frau dann halt in einer Trage davon. Nicht weil die Lage so dramatisch war, sondern weil die Maschinerie es so will. Ein Sturz, ein Schmerz, ein Notruf, eine Organisation, die funktioniert wie ein Uhrwerk aus Zuständigkeiten, und am Ende eine Frau in einer Klinik, die wahrscheinlich gar nicht versteht, warum das alles so ein Aufwand war. Sie wollte nur ein bisschen Natur. Bekommen hat sie einen Verwaltungsakt in den Bergen.
Was bleibt, ist der Blick auf die Sache selbst. Ein Wanderweg, eine Grenze, die niemanden interessiert, wenn es kein Foto gibt, und eine ältere Frau, die den einzigen Fehler gemacht hat, den man auf einem Wanderweg machen kann: Sie ist gestürzt, ohne es vorher anzukündigen. Hätte sie das per E-Mail gemacht, man hätte sie vermutlich höflich abgewimmelt. So aber durfte die Rettungskette ihr ganzes Können zeigen, inklusive Gebirgstrage, Notarzt und der anschließenden Erkenntnis, dass das alles seinen Namen hat und seine Form und seine Pressemitteilung. Nur eines hat es nicht: Einen Hinweis darauf, dass irgendjemand den Wanderweg so gebaut hat, dass man darauf nicht stolpern kann. Aber das wäre ja Zuständigkeit. Und Zuständigkeit ist das, was man immer dann entdeckt, wenn es zu spät ist.