Man darf sich kurz wundern, dann darf man sich freuen, dann darf man sich wundern. Niederösterreich, dieses Land der sanften Hügel, der Marillenknödel und der gnadenlos peniblen Einfahrtverbote, hat es also geschafft. Ein Stück Berndorf, Bezirk Baden, düst gerade in Form von Keramikfasern am Merkur vorbei und erträgt dort Temperaturen, bei denen jeder niederösterreichische Grillmeister im August blass vor Neid wird. Minus 200 bis plus 450 Grad Celsius, das ist nicht einfach Klima, das ist eine Dienststelle des Wetteramts mit Burn-out.
Dabei ist die Sache im Kern so österreichisch, dass man fast schon kitschig werden könnte. Während die Landeshauptleute andernorts stolz Brücken eröffnen, die schon vorher offen waren, bringt Niederösterreich ernsthafte Hightech in den Orbit und tut gleichzeitig so, als wäre das ein nettes Nebengeschäft zwischen Türkis-Blau-Parteitag und Feuerwehrheurigem. Acht Jahre Reise, Milliarden Kilometer, eine Sonde, die mit vereinten Kräften Europa und Japan ins Schwitzen bringt, und mittendrin ein Industriebetrieb, der vermutlich mehr Steuern zahlt als so mancher halbe Bezirk.
Die wahren Helden der Geschichte sind freilich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jenes Werks, das die Spezialisolierung herstellt. Sie haben etwas geschafft, das im politischen Wien kaum jemand schafft: Sie liefern pünktlich, funktionieren auch unter Druck und werden trotzdem nicht in Talkshows eingeladen. Dafür landen sie jetzt mit ihrer Arbeit dort, wo die meisten Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher maximal ihren Zweitwohnsitz haben, nämlich auf der sonnenzugewandten Seite des Universums.
Während die Technik also unter sengender Hitze durchs All gleitet, verglühen gleichzeitig die letzten Satelliten der Cluster-Mission in der Erdatmosphäre. Zwanzig Jahre im Dienst der Wissenschaft, dann ein gezielter Absturz, ganz nüchtern, ganz staatlich, ganz ohne Blumen und Kranz. Man stelle sich vor, ein österreichischer Beamter geht nach zwanzig Dienstjahren in Pension, ohne Abschiedsfeier, ohne Ehrerweisung, einfach so verglüht im System. Wahrscheinlich der feuchte Traum jedes Innenministeriums.
Natürlich darf man die Sache auch politisch lesen. Niederösterreich liefert dem Merkur einen Hitzeschutz, der zuverlässig funktioniert, während man sich hierzulande bei jeder Hitzewelle gegenseitig die Schuld für die eigene Klimaanlage gibt. Eine Generation, die noch glaubt, mit Jausenpapier und Wiener Lied die globale Erwärmung abzuwenden, wird von Berndorfer Keramikfasern überholt, die bei 450 Grad noch immer die Contenance bewahren. Das ist fast schon ein politischer Kommentar.
Und überhaupt, der Merkur. Der Merkur ist jener Planet, von dem die meisten Menschen nur wissen, dass er existiert, weil die Volksschule irgendwann die Reihenfolge Merkur, Venus, Erde, Mars eingebläut hat. Der Merkur ist der kleine, vergessene Bruder des Sonnensystems, ein bisschen wie die Bezirkshauptmannschaften, wenn man es genau betrachtet: wichtig, kaum beachtet, unerbittlich der Strahlung ausgesetzt. Genau dorthin schickt Niederösterreich jetzt seine Visitenkarte, ganz uneitel, ganz nebenbei, ganz ohne Landesfeiertag.
Die Pointe freilich ist jene, die kein offizieller Redenschreiber jemals aufgreifen wird. Wenn ein Bezirk in Niederösterreich tatsächlich jenes Material herstellen kann, das einer Raumsonde das Überleben am Merkur sichert, dann darf man sich zu Recht fragen, warum derselbe Bezirk bei der Sanierung der eigenen Landesstraßen jedes Jahr aufs Neue behauptet, die Technik sei noch nicht ausgereift. Vielleicht braucht es nur den richtigen Abstand zur Sonne, damit die niederösterreichische Verwaltung erkennt, was ihre eigene Industrie längst kann.
Am Ende bleibt ein Bild, das so schön ist, dass man es sich einrahmen möchte: ein Stück Industriegeschichte aus dem Bezirk Baden, keramisch, beständig, leicht verrückt, auf dem Weg zu einem Planeten, der den meisten Menschen egal ist. Niederösterreich bleibt damit ganz sich selbst treu: nie der lauteste, immer der, der am Ende die Arbeit gemacht hat, die kein anderer machen wollte. Der Merkur darf sich also auf österreichische Wertarbeit freuen, ganz ohne Würstelstand, dafür mit jeder Menge thermischer Zuverlässigkeit.