Man stelle sich vor, ein Mensch kommt nach Oberösterreich, spricht einwandfreies Hochdeutsch, beherrscht Konjunktiv II und weiß, was ein Dativ ist – und wird trotzdem ausgeschlossen. Nicht wegen seiner Herkunft, nicht wegen seines Glaubens, sondern weil er nicht erkennt, dass „i gengan Hoam“ eine Mitteilung über die Zukunft und keine Aufforderung zur Bewegung ist. Genau diese existenzielle Not hat das Land nun erkannt und spendiert 25.000 Euro, damit 111 Auserwählte kostenfrei lernen, warum „Schau, dass du weiterkumma tust“ kein Kompliment für die Fortbewegung ist, sondern eine sehr persönliche Drohung. Christian Dörfel, seines Zeichens Integrationslandesrat, hat das in denkwürdigen Worten zusammengefasst, die vermutlich in keinem Integrationsleitfaden stehen: Wer bei uns leben will, muss verstehen, wie wir sprechen. Eine politische Revolution, vergleichbar mit der Erfindung der Keilschrift, nur ohne Keil und ohne Schrift.
Die Geburtsstunde dieser Bildungsoffensive war, wie könnte es anders sein, ein bosnischer Pfleger, der in einer Teambesprechung erfuhr, ein neuer Patient sei „kumma“, also aufgenommen worden. Er aber verstand „Koma“ und betrat das Zimmer mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade Zeuge eines medizinischen Wunders geworden ist. Solche Missverständnisse, so lernen wir aus der offiziellen Lesart, sind nicht etwa ein Zeichen dafür, dass die deutsche Sprache mit ihren sieben Pluralendungen und dem Genitiv sowieso schon ein Hindernisparcours ist, sondern einzig und allein ein Versagen des Zuhörers, der nicht artig genug Dialekt gebüffelt hat. Das Deutschlandsystem ist gerettet, die Schuldfrage geklärt.
Ein findiger Trainer hat daraufhin ein eigenes Kursbuch verfasst, Titel „Wos host g’sogt?“, was übersetzt in etwa „Was hast du gesagt?“ bedeutet und damit gleichzeitig den kompletten Inhalt des Buches vorwegnimmt. 40 Unterrichtseinheiten pro Person, aufgeteilt in Module wie „Der Unterschied zwischen kumma und kommen“ und „Warum der Wirt dich nicht zwingt, mit dem Hund zu reden, obwohl er es so sagt“. Wer B1 beherrscht, darf teilnehmen, online versteht man die Vokabel dann zwar immer noch falsch, aber wenigstens mit Satzanakolut aus dem Mühlviertel.
25.000 Euro für 111 Teilnehmer, das sind rund 225 Euro pro Person, wovon ein Großteil vermutlich in die Druckkosten des Buches fließt, das ab sofort in jeder Buchhandlung zwischen Linz und Braunau neben dem Wörterbuch steht und sich ungefähr so verkauft wie vegetarische Wurst beim Wirt. Man darf sich fragen, was mit den übrigen 48.000 Euro Fördervolumen passiert, die sich bei ordentlicher Buchhaltung eigentlich ergeben müssten, aber das wäre eine Frage, die in Oberösterreich lieber nicht gestellt wird, denn wer nachrechnet, hat den Dialekt noch nicht verinnerlicht. „Des hoaßt olles nix“, könnte der Landesrat sagen und damit recht haben.
Die wahre Integration wird freilich erst stattfinden, wenn die frischgebackenen Dialektkursteilnehmer verstehen, dass „Pfiat di“ kein hispanischer Segensgruß ist und „Gemma“ kein Stammtisch aus der Antike. Bis dahin gilt: Wer ab dem 1. Juli 2027 noch immer „Koma“ versteht, wenn „kumma“ gemeint ist, wird im Land der Berge und Seen konsequent ignoriert, und zwar mit voller Absicht, sehr direkt und ganz ohne Übersetzung.