Die geplante Bahnreform der ÖBB liest sich zunächst wie ein trockener Verwaltungsakt: Aus den bisher eigenständigen Aktiengesellschaften für Personenverkehr und Fracht sollen GmbHs werden, damit die Holding besser steuern kann. Doch hinter diesem vermeintlich technischen Schritt verbirgt sich ein Meisterstück modernen Konzernzaubers – denn wer schon immer davon träumte, seine Bahncard als Stimmrechtsnachweis bei der Hauptversammlung einzusetzen, darf nun hoffen. Matthä erklärt gelassen, dass man seit 25 Jahren „kraft Gesetz gefangen“ sei, als ob das Bundesbahngesetz ein überfürsorglicher Vormund wäre, der einem nicht erlaubt, nach 22 Uhr Kekse zu essen – dabei ist es nur ein Gesetz, das niemand gelesen hat, weil es in Dreifachausführung im Keller des Verkehrsministeriums verstaubt.
Die eigentliche Idee hinter der Umwandlung in GmbHs sei, so Matthä, die „mittlere Verspannungstemperatur des Gleises“ anzupassen – ein Begriff, der normalerweise nur in Schlaftabletten-Beipackzetteln vorkommt, doch plötzlich klingt es, als würde man das Gleis wie einen Bratwurstkessel temperieren: Nicht zu heiß, nicht zu kalt, sondern genau jene 23,7 Grad, bei der sowohl die Schiene als auch der Seele des Fahrgästen Frieden findet. Dabei übersehen die Verantwortlichen praktisch, dass die echte Verspannungstemperatur beim ÖBB-Mitarbeiter liegt – jener, der um 04:30 Uhr im Schnee die Weichen stellen muss, während im Vorstand über die Optimierung der Synergieeffekte zwischen Personen- und Güterverkehr diskutiert wird, als wäre der Güterzug ein Start-up mit Potenzial.
Die erwartete Einsparung von 60 bis 80 Millionen Euro soll laut Matthä dadurch entstehen, dass künftig weniger „Doppelgleisigkeiten“ existieren – ein Begriff, der zunächst nach einem Bahnsteifenfehler klingt, aber in Wahrheit bedeutet, dass zwei Abteilungen früher jeweils ihre eigene Kaffeemaschine hatten. Jetzt soll es nur noch eine geben – zentral, im dritten Stock des Hauptbahnhofes, mit Zugangscode und Warteliste. Die Einsparung kommt angeblich daher, dass man nicht mehr zwei Filzkugeln unter den Kännern braucht, sondern nur noch eine – wobei niemand erklären kann, warum die vorher zwei brauchte, außer dass es sich so „etabliert hat“. Doch statt das Geld in neue Züge zu stecken, plant man laut internen Flüstertönen, die gesparten Millionen in eine bessere Luftbedingung für die Leittürme zu investieren – denn schließlich muss der Disponent bei 35 Grad im Schaltschrank auch klar denken können, wenn er entscheidet, ob der Zug nach Graz jetzt doch über Wörthersee fährt oder gleich ganz abgesagt wird, weil die Klimaanlage kaputt ist und der zuständige Techniker in Weiterbildung ist.
Am stärksten zeigt sich Matthäs Visionärstum, wenn er von der Zukunft spricht: Ab 2027 soll ein neuer Vorstandsvorsitzender das Ruder übernehmen – unter neuen Voraussetzungen, versteht sich. Dabei lässt er offen, ob diese Voraussetzungen eher bessere Gleise, bessere Züge oder einfach nur bessere PowerPoint-Vorlagen sein werden. Sicher ist nur, dass der aktuelle Chef noch bis dahin hofft, das geplante Bundesbahngesetz rechtzeitig durchzubekommen – schließlich wäre es peinlich, wenn man nach acht Jahren Vorbereitung feststellt, dass man vergessen hat, den Paragraphen einzufügen, der vorschreibt, dass jede GmbH mindestens einen Apparatschik mit Titel „Chief Gleisglücks Officer“ beschäftigen muss. Denn ohne ihn wäre die Umwandlung nur halb so gut – und wer möchte schon in einem Konzern arbeiten, der seine strukturelle Tiefenentspannung outsourct?