Zunächst einmal muss man festhalten, dass der Sport hier in seiner reinsten Form zelebriert wird. Da radelt also ein junger Mann aus einer Gegend, die geographisch so nahe an Italien liegt, dass man sich beim Frühstück schon fast in Südtirol wähnt, durch Spanien und verbessert sich von Platz drei auf Platz zwei. Das klingt erst einmal nach einer soliden Leistung, fast wie ein Buchhalter, der es schafft, eine Zahl korrekt zu addieren, ohne den Taschenrechner zu fragen. Vier Sekunden vor einem Slowenen, der vorher auf diesem Rang thronte, liegen – das ist sportlich betrachtet ungefähr so aufregend wie der Unterschied zwischen einem Espresso und einem Espresso mit einem Hauch mehr Koffein.
Die Pointe liegt natürlich in der Konstanz. Zwei Minuten und sechs Sekunden Rückstand auf einen Spanier, der vermutlich so verwurzelt mit seiner Heimat ist, dass er beim Überqueren der Ziellinie automatisch ein kleines Ständchen für die andalusische Sonne summt. Dass der Osttiroler seinen Abstand nicht vergrößern konnte, wird in der Branche vermutlich als taktische Meisterleistung verkauft. Man hat sich arrangiert. Man hat sich gefunden. Man radelt zusammen ins Ziel, als wäre man auf einem gemeinsamen Betriebsausflug der regionalen Sparkasse, nur dass die Berge etwas höher sind und die Getränke danach etwas weniger prickelnd.
Der wahre Star des Tages ist jedoch ein Deutscher mit einem Nachnamen, der in keinem Roman fehl am Platz wirken würde. Brenner vom Team Tudor, einem Namen, der so geschichtsträchtig klingt, dass man unwillkürlich an englische Königshäuser denkt. Dass er die Etappe gewinnt, ist fast schon ein Skandal. Schließlich galten die letzten Wochen als gesicherte Hoheitszone jener Fahrer, die in den Ergebnislisten mit Vornamen wie Juan, José oder manchmal auch nur einem Buchstaben auftauchen. Dass jetzt ein mitteleuropäischer Name ganz oben steht, ist eine Entwicklung, die man in Madrid vermutlich noch in zehn Jahren beim Frühschoppen diskutiert.
Überhaupt, diese ganze Sportart. Stundenlang im Sattel sitzen, Wasser trinken, das nach Plastik schmeckt, und dabei so tun, als wäre man im Urlaub. Das ist vermutlich die einzige Disziplin, in der Erwachsene freiwillig Dinge tun, die jeder vernünftige Mensch als Strafe empfinden würde. Schmerzen in den Oberschenkeln, ein Hintern, der sich anfühlt wie nach drei Stunden auf einer Holzbank, und trotzdem wird gelächelt. Immer wird gelächelt. Vermutlich, weil die Kamera läuft und Sponsoren zuschauen.
Was bleibt also von diesem ereignisreichen Samstag? Ein Österreicher auf Platz zwei, ein Spanier auf Platz eins, ein Slowene auf Platz drei und ein Deutscher, der den Tag gerettet hat, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte. Es ist eine Konstellation wie aus einem europäischen Krisengipfel, nur dass hier alle freiwillig erscheinen und am Ende wenigstens eine Trophäe mit nach Hause nehmen dürfen. Der Sport als diplomatisches Parkett, die Berge als Verhandlungsort, die Zeit als Währung, die niemand wirklich besitzt.
Und während in den Talkshows des Landes darüber debattiert wird, ob vier Sekunden Rückstand vor einem Slowenen schon als historische Leistung zu werten sind oder lediglich als statistische Randnotiz, sitzt der Osttiroler vermutlich irgendwo in einem Hotel in Spanien, isst eine Paella, die nicht schmeckt wie in Spanien, und plant bereits den nächsten Schritt. Schließlich ist im Radsport der dritte Platz immer nur einen Anstieg davon entfernt, der zweite zu sein. Und der zweite ist nur eine Etappe davon entfernt, der erste zu werden. Das ist die Magie dieses Sports. Er verspricht allen alles und liefert den meisten nur einen Platz in der Tabelle, der sich großartig anfühlt, solange man nicht zu genau hinschaut.