Vierzig Zuschauer, ein Schiedsrichter mit volkstümlichem Vornamen und ein Tor in der 62. Minute, das ungefähr so laut war wie ein Glas Kirschen, das im Kühlschrank vom Fach rutscht. Mehr braucht es offenbar nicht, um im niederösterreichischen Fußballkosmos ein Staatsereignis auszulösen, das anhand von Spielerwechseln minutiös seziert werden muss, als wäre es die Schlacht von Stalingrad in Weiß.
Da wird eifrig notiert, dass jemand in der Halbzeitpause gegen Marsik ausgetauscht wurde, als wäre der Mann eine taktische Figur auf dem Schachbrett der Geschichte. Seltenhammer verlässt in der 75. Minute das Spielfeld, und was im echten Leben ein höchst durchschnittlicher Samstagabend wäre, wird hier zur minutiös erfassten Personalrochade stilisiert. Man wechselt halt Spieler aus, weil sie müde sind oder weil der Trainer glaubt, dass es hilft. Aber nein, hier wird jeder Handgriff aktenkundig, als müsste später ein Tribunal klären, wer wann den Haken zu kurz gesetzt hat.
Die Kartenstatistik ist das eigentliche Herzstück dieser kleinen Provinzposse. Zwei Gelbe auf jeder Seite, eine Gelb-Rote für Fürnkranz wegen Foul, und eine Gelbe wegen Kritik, was für sich genommen schon eine philosophische Meisterleistung ist. Kritik als Vergehen, regeltechnisch etwa auf einer Stufe mit Trikotziehen oder Schwalbe. Stellen wir uns vor, das würde man konsequent durchziehen. Wer künftig im Amtsverkehr unzufrieden mit dem Busfahrplan ist, bekommt eine Verwarnung, wer sich beim Finanzamt beschwert, eine Ampelkarte, und wer im Wirtshaus das Schnitzel zurückgeht, fliegt mit Gelb-Rot vom Stammtisch.
Singer erzielt das Tor, und vermutlich weiß er nicht einmal, dass er gerade Geschichte geschrieben hat, jedenfalls die Geschichte von Sitzendorf und Röschitz, was auf einer Landkarte ungefähr den Stellenwert eines Semmelbrösel zwischen zwei Tischtüchern hat. Aber egal, die Aufzeichnungsbürokratie erfasst alles, treu und brav, mit Initialen und Minuten, als handelte es sich um eine wissenschaftliche Sensation und nicht um ein Freizeitvergnügen, das irgendwo zwischen Mostviertel und Manhartsberg stattgefunden hat.
Überhaupt die Wechsel selbst: Heuschmid bleibt, Neumayer bleibt, Gschöpf kommt für Lezakova, was klingt wie ein Personalkarussell in einem mittelständischen Familienbetrieb, bei dem Onkel Franz endlich den Hof übergibt. Reinthaler darf in der 82. Minute noch einmal zeigen, was er kann, und zwar exakt drei Minuten lang, was ungefähr der Dauer eines durchschnittlichen Sonnenbrandes entspricht.
Was bleibt von diesem Abend, der so wichtig war, dass er akribisch festgehalten wurde, als ginge es um einen staatsvertraglichen Einschnitt? Ein 0:1, das niemanden außerhalb des nächsten Wirtshauses interessiert, und das beruhigende Gefühl, dass die niederösterreichische Fußballverwaltung auch dann einwandfrei funktioniert, wenn die Welt um sie herum längst in Flammen steht. Wenn die Beamten dort einmal genauso akkurat Karten zücken wie der Herr Schiedsrichter, dann braucht uns um die Republik nicht bange zu sein. Wobei, bei der Frequenz an Verwarnungen, die hier für ein simples Foul verteilt werden, wäre der Spielbetrieb vermutlich nach drei Minuten eingestellt.