Man darf sich das einmal vorstellen in dieser Republik: Da steht eine Halle, die wegen ihrer Postleitzahl von 7111 vermutlich mehr Quadratmeter besitzt als das burgenländische Budget für Ortsbildpflege, und drinnen wird getanzt, als hinge der nächste Weltcup davon ab. Sechsundsechzigig junge Menschen, die zwischen acht und vermutlich vierzehn Lebensjahren irgendwo da angesiedelt sind, wo die Hormone verrücktspielen und die Choreografie noch schlimmer, geben in Parndorf den Ton an. Wer jetzt glaubt, es handle sich um eine harmlose Sommerfreizeit, irrt gewaltig. Es handelt sich um eine logistische Meisterleistung, bei der jede einzelne Fußspitze aktenkundig verwaltet wird.
Trainiert wird in der Arena 7111, die klingt, als hätte sich ein Katasterbeamter bei einer Wette mit dem Gemeindesekretär selbst übertroffen. Die Räume sind voll, die Stimmung ist voll, die Begeisterung ist voll. Wer noch einen freien Quadratmeter sucht, muss ihn vermutlich selber mitbringen. Was als Sommercamp daherkommt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Art Bewährungseinheit für Haltung, Disziplin und die Fähigkeit, in einer Gruppe von Gleichaltrigen den inneren Schweinehund nicht nur zu kennen, sondern ihm auch noch eine Choreografie beizubringen. Die Trainerinnen und Trainer arbeiten mit einer Strenge, die in dieser Altersklasse sonst höchstens die Religionslehrerin an den Tag legt, wenn sie die Ministranten zum Frühgottesdienst zusammentrommelt.
Dabei wird ausdrücklich nicht auf Konkurrenz gesetzt, sagt man. Das klingt fast schon verdächtig nach Sozialismus, wäre da nicht der Fakt, dass die Warteliste mittlerweile länger ist als das gesamte Programmheft des örtlichen Fußballvereins an einem Doppelspieltag. Angela Farkas, die das alles als Schriftführerin dokumentiert, muss jeden Tag aufs Neue erklären, warum man nicht einfach alle Kinder gleichzeitig auf die Tanzfläche stellt, bis es dort aussieht wie im Feierabendverkehr auf der Ostautobahn. Die Antwort ist ebenso plausibel wie unbefriedigend: Qualität braucht Platz, und Platz ist in Parndorf offenbar so knapp wie ein freier Parkplatz am Sonntag vor dem Lagerhaus.
Im September geht das Programm dann richtig los. Im Oktober steht Wien auf dem Plan, wenig später Krakau, wo man vermutlich polnisches Publikum mit burgenländischem Hüftschwung in Erstaunen versetzt. Was das sportliche Selbstverständnis angeht, haben die Hot Rock Dancers mittlerweile eine Agenda, die in jeder Bezirkshauptstadt für neidische Blicke sorgen dürfte. Der Verein plant Auftritte, die sich gewaschen haben, und ein Trainerinnenteam, das jeden einzelnen Schritt dokumentiert, kommentiert und in einer Cloud ablegt, die vermutlich besser gesichert ist als mancher Amtsakt im Rathaus.
Dass die Jüngeren dabei vor allem als Anfeuerungspersonal fungieren, gehört zur Strategie. Wer noch nicht turnierreif ist, darf wenigstens klatschen, was bei Kindern in diesem Alter die zweite Natur ist. So bekommt jede und jeder eine Aufgabe, die Funktion ist klar verteilt, und am Ende steht der Verein vor der Welt wie eine gut geölte Kleinstadtmaschine, die nicht nur das Tanzen, sondern gleich auch noch die Gemeindeidentität verwaltet. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass hier jemand ernsthaft glaubt, mit ein paar Choreografien ließe sich auch gleich die Welt erklären. Vielleicht ist das aber auch nur der Ehrgeiz einer Region, die sich auf der Landkarte zwischen Wien und Bratislava sonst eher durch die Abfertigungshalle für shoppingfreudige Wiener hervortut.
Am Ende bleibt ein Verein, der seinen Kindern beibringt, dass Zusammenhalt kein Softskill ist, sondern eine Überlebenstechnik. Die Trainingshallen sind voll, die Warteliste länger, die Trainer überarbeitet und die Eltern tiefenentspannt, weil endlich jemand anderes aufpasst. Man darf gespannt sein, was Parndorf als Nächstes aus dem Boden stampft. Eine Synchron-Schuhplattler-Gruppe vielleicht, die dann international für Furore sorgt. Oder gleich eine eigene Sportakademie. In dieser Arena traut man den Verantwortlichen beides zu.