Man darf sich das einmal vorstellen: Ein Bundesligist reist ins Burgenland, um dort gegen einen Verein zu spielen, dessen Kader vermutlich mehr Bankkonten als Tore hat. Leithaprodersdorf klingt weniger wie ein österreichischer Cup-Gegner und mehr wie der Name eines Verwaltungsakts im Sozialministerium. Aber gut, es ist Pokal, da wird bekanntlich gewürfelt, nur dass die Würfel schon vorher gefallen sind.
WSG Tirol ist also Favorit. Favorit! Was für eine gewagte These. Die Sportjournalisten des Landes haben offenbar einen Blick in die Kristallkugel geworfen, in der steht: Die Tiroler werden gewinnen, weil sie berufsmäßig Fußball spielen, während die Amateur-Kicker aus dem Burgenland berufsmäßig vermutlich irgendetwas mit Weinbau, Feuerwehr oder Gemeindepolitik machen. Falls die Leithaprodersdorfer tatsächlich gewinnen, dürfen sie damit rechnen, dass die Sportberichterstattung danach eine Woche lang aus reinem Staunen besteht.
Parallel dazu wallt in Innsbruck dunkle Rachefantasie auf. Wacker Innsbruck verlor das letzte Zweitliga-Duell gegen Blau-Weiß Linz mit 0:3, was im Fußball-Sprech nichts anderes heißt als: Man wurde fachgerecht zerlegt. Nun also die Revanche. Revanche klingt immer so groß, dabei geht es um drei Punkte im Cup, nicht um die Rückeroberung der Krim. Aber wenn ein mittelgroßer Fußballklub eine Niederlage erlitten hat, wird binnen kürzester Zeit ein Narrativ gestrickt, das Napoleon nach Elba wie einen Amateur dastehen lässt.
Besonders unterhaltsam sind die angekündigten Disziplinarmaßnahmen der Wacker-Verteidiger. Florian Kopp und Robin Littig wollen die gegnerischen Angreifer an die kurze Leine legen, wie das Sportjournal so schön formuliert. Was im ersten Moment nach taktischer Finesse klingt, ist im Grunde die ehrliche Beschreibung dessen, was in der Zweiten Liga passiert, wenn ein Verteidiger einen Stürmer an die kurze Leine legt: Er reißt ihn halt nieder und riskiert Gelb. Die kurze Leine ist im österreichischen Fußball letztlich ein Synonym für rustikales Einsteigen, garniert mit einem Blick zum Schiedsrichter, der signalisieren soll: Das war doch gar nichts.
BW Linz wiederum steht als Tabellenführer da und genießt damit den zweifelhaften Ruf, eine Art Überraschungsei der Liga zu sein. Tabellenführer in der zweiten Liga zu sein ist ungefähr so glamourös wie der höchste Punkt auf einem flachen Hügel. Man ist oben, aber gleichzeitig nicht oben. Die Statistikfreunde des Landes dürfen sich derweil fragen, ob ein Tabellenführer gegen einen Tabellenvierten im Pokal automatisch gewinnt. Die Antwort lautet: meistens ja, aber im Cup gibt es keine Tabelle, nur Träume, und die der Innsbrucker sind gerade düster bis wütend.
Der ÖFB-Cup als Institution bleibt ohnehin ein Kuriosum. Hier treffen Mannschaften aufeinander, deren Realitäten sich normalerweise nie berühren. Während die einen von Trainingslagern in der Türkei erzählen, kurieren die anderen ihre Bänderrisse im örtischen Ambulatorium. Beide schreiben ins Programmheft dasselbe Wort: Pokal. Und beide glauben für neunzig Minuten, dass die Welt gerecht ist.
Am Ende wird WSG Tirol gewinnen, vermutlich souverän, vermutlich langweilig, und die Burgenländer werden danach in der Kantine ihres Vereinsheims sitzen und sagen: War eh eine super Erfahrung, die Kabine von denen ist schon größer als unser ganzer Platz. Wacker Innsbruck wird in Linz entweder die Revanche einfahren oder eine neue Niederlage in eine alte Liste eintragen. Die Sportberichterstattung wird beides pathetisch inszenieren, als handle es sich um eine Schlacht zweier verfeindeter Königreiche, und die Leser werden wissen: Es war nur Fußball, es war nur ein Dienstag, und die Leidtragenden sind wieder einmal die Plätze, die man nie füllen wird.