Man darf sich das einmal vorstellen. Da pflügt ein Verein jahrelang durch die Bundesliga, wird mit Pauken und Trompeten zwangsabgestiegen, robbt sich in der Drittklassigkeit das Selbstwertgefühl aus den Sockeln, kratzt vier Siege aus fünf Spielen zusammen und glaubt nun allen Ernstes, das sei eine Generalprobe für die Wiederauferstehung. Klar, der SK Austria Klagenfurt empfängt am Samstagabend den SK Rapid, und alle tun so, als wäre das ein David-gegen-Goliath-Märchen, nur dass David diesmal mit Sponsorenvertrag und Stadionmiete daherkommt.
Dabei ist die Sache doch ganz einfach. Rapid reist an, weil Rapid immer anreist, wenn ein Verein mit großem Namen und kleinem Budget einlädt. Die Wiener bringen einen Trainer mit, der kürzlich noch davon sprach, man nehme den Cup ernst, was im Fußball-Deutsch in etwa bedeutet: Wir haben Angst, dass die Anhänger wieder die Geduld verlieren und anfangen, Pyrotechnik an strategisch günstig gelegenen Sitzschalen zu verschwenden. Zwölf Punkte aus der Liga, klingt solide, ist aber im Kollektivbewusstsein der Hütteldorfer schon wieder hohl, weil ein gewisser Gegner aus dem Salzburger Raum die Mannschaft zuletzt mit 1:5 nach Hause geschickt hat. Solche Niederlagen wirken in Wien bekanntlich nach, vergleichbar mit einer schlecht sitzenden Zahnkrone, die bei jeder Mahlzeit stört.
In Klagenfurt wiederum feiert man sich selbst, als hätte man bereits gewonnen. Vier Siege in der Regionalliga, sensationell, da bekommt der Trainer Slobodan Grubor fast schon mythische Züge, und das Wörthersee-Stadion avanciert zur Bühne für eine Inszenierung, die irgendwo zwischen Heimatfilm und Begegnungszone liegt. Man wittert die Chance, heißt es, man wittert die Überraschung, und das Heimvolk soll die Mannschaft tragen, was bei den erwarteten neuntausend Seelen vermutlich bedeutet, dass die Stimmung ähnlich aufgeheizt sein wird wie das Catering am Ausschank.
Natürlich weiß jeder, wie das hier endet. Rapid gewinnt, weil Rapid halt Rapid ist, also der ewige Kandidat für die nächste Pleite und gleichzeitig der designierte Aufstieg in jede nächste Runde. Klagenfurt verliert, darf aber erhobenen Hauptes vom Platz schleichen, weil man gegen den Großen aus der Hauptstadt halt eh keine Chance hatte, aber dafür dreißig Minuten lang mithielt, und das ist ja im österreichischen Fußball schon beinahe ein Grund für eine Denkmalenthüllung. Falls die Kärntner wider Erwarten tatsächlich ein Tor erzielen, wird das in Klagenfurt drei Wochen lang als kultureller Meilenstein verhandelt, und der Bürgermeister bestellt vermutlich eine Sondersitzung des Stadtsenats ein, um die historische Leistung angemessen zu würdigen.
Das eigentlich Spannende an diesem Spiel ist ohnehin nicht das Spiel. Es ist die Tatsache, dass alle Beteiligten so tun, als wäre der ÖFB-Cup ein Schmelztiegel der Emotionen und nicht vor allem ein Verwaltungsakt mit Elfmeterschießen. Rapid muss gewinnen, weil die PR-Abteilung schon die nächsten Slogans vorbereitet hat, Klagenfurt darf verlieren, weil Niederlagen gegen Bundesligisten in der Regionalliga als sportliche Diät gelten, und der Pokal selbst ist am Ende nur eine hübsche Trophäe, die irgendwo in einer Vitrine verstaubt, bis das nächste Budgetloch nach einer neuen Anlauffläche ruft.
Am Samstagabend wird also Fußball gespielt, und alle werden so tun, als wäre es ein Schicksalsspiel. Die Wiener werden betont lässig auftreten, die Kärntner werden betont lautstark sein, und am Ende gewinnt, wie so oft in diesem Land, derjenige, dessen Trikot sauberer geblieben ist. Oder, falls die Vernunft doch noch eingreift, der mit dem dickeren Kader. So oder so bleibt Klagenfurt der sympathische Außenseiter, und Rapid bleibt Rapid, also genau das, was es immer war: ein Hauptstadtklub mit Wiener Schmäh und einer eingebauten Neigung zur Selbstzerstörung. Möge das Wörthersee-Stadion den Abend überstehen.