Es gibt Tage, an denen die Wirklichkeit so unbarmherzig in die eigene Hofburg pflügt, dass selbst der grantigste Kaffeehausphilosoph die Tasse abstellen muss. Pierre Gasly, ein Mann, der in der Formel 1 bisher vor allem durch sein Talent bekannt war, freundlich zu lächeln, wenn das Auto wieder einmal den Dienst verweigert, durfte am Samstag in Monza das machen, was nur Auserwählten vergönnt ist: Er hat George Russell geschlagen. Nicht etwa mit Strategie, nicht mit irgendwelchen mysteriösen Reifen, sondern schlicht und ergreifend mit ein paar Hundertstelsekunden, also genau dem, wofür man in der Schweiz eine eigene Briefmarke drucken würde.
Der Mann sitzt in einem Fahrzeug, das bei Alpine steht, was ein französisches Wort ist und gleichzeitig eine alpine Region in Südostfrankreich, was wiederum erklärt, warum die Firma nach Bergen benannt ist, obwohl sie in Enston in England Autos baut, die nach einem französischen Alpenmassiv heißen, das eigentlich in Frankreich liegt. Es ist eine schöne, runde Sache, ungefähr so klar wie die Rechtschreibung des neuen Geschäftsführers, der offenbar darauf besteht, dass alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist, irgendwo auf der Welt in einem Werk zusammengeschraubt werden muss.
Russell dagegen fuhr im Mercedes, also jenem Vehikel, das nach einem Stern benannt ist und sich seit Jahren einbildet, das Sagen auf der Rennstrecke zu haben. Er wurde Zweiter. Das klingt nach einer Randnotiz, ist aber in Wahrheit eine mittelschwere Demütigung, denn der Unterschied betrug sechzigtausendstel Sekunden, was ungefähr der Zeit entspricht, die ein Wiener Schanigarten braucht, um die Speisekarte auf den Tisch zu legen. In dieser Zeitspanne entschied sich, ob ein Brite weiterhin glaubt, er habe das Sagen, oder ob ein Franzose lächelnd das tut, was Franzosen am besten können: den Briten die Butter vom Brot nehmen und dabei so tun, als sei nichts gewesen.
Dann kam die eigentliche Posse, denn der Spitzenreiter der Meisterschaft, ein gewisser Kimi Antonelli, durfte im Qualifying noch Siebter werden, was nach großem Sport klingt, aber nur die halbe Wahrheit ist. Die andere Hälfte lautet: Wegen eines unerlaubten Motorenwechsels startet er von ganz hinten. Das ist, als würde der Bürgermeister von Linz bei der Wahl die meisten Stimmen bekommen, aber am Wahltag im falschen Bezirk wohnen. Es ist eine jener Strafen, die das Reglement vorsieht, weil jemand in der Fabrik in Brixworth zu enthusiastisch an einem kalten Wintermorgen das Drehmoment aufgedreht hat, und nun muss der arme Pilot gegen die Wand des Feldes fahren, während oben in den Büros jemand einen sehr teuren Kaffee trinkt und so tut, als gehöre ihm die Schuld.
Man stelle sich das vor: Ein ganzes Imperium aus Ingenieuren, Sponsoren, Logistikern und einem Teamchef mit verspiegelter Sonnenbrille, das Geld, Zeit und italienisches Mineralwasser investiert hat, nur damit am Ende ein Gesetz der eigenen Buchhaltung den Helden nach Pannonien schickt, also nach hinten, ins Hinterland des Feldes, wo die langsameren Autos wohnen und die Hoffnung auf einen Sicherheitswagen ihre größte Chance darstellt.
In Monza, jenem Tempel, wo schon tonnenweise Zigarren geraucht wurden, ehe irgendein Aktivist das Wort Feinstaub erfunden hat, stehen nun also ein Franzose ganz vorne, ein Brite direkt daneben mit versteinertem Lächeln, und ein Italiener, der das Rennen am Sonntag nicht etwa als Kommentator, sondern als Funktionär in einer Loge eröffnen wird, wo er seinen Espresso trinkt und sich wundert, warum man Pole Position nicht in Prosecco umrechnen kann. Wenn das keine Geschichte ist, die das Hier und Jetzt braucht, dann weiß ich auch nicht. Der Große Preis von Italien beginnt am Sonntag um drei, und das ganze Land darf zuschauen, wie jemand, der eigentlich nur ein freundlicher junger Mann aus Rouen ist, das gesamte Establishment mit ein paar Hundertstelsekunden vorführt und damit exakt das tut, was Satire seit Jahrzehnten mit der Formel 1 macht: Sie zeigt, dass die Großen nicht immer die Größten sind, sondern nur die, die gerade das größte Budget haben.