Man darf sich kurz freuen, denn das ist ehrlich verdient. Anastasia Potapova, österreichische Staatsbürgerin auf dem Papier, russische im Herzen und auf dem Platz ungefähr in beiden Welten zu Hause, hat in Flushing Meadows die Vorjahresfinalistin Amanda Anisimova aus dem Turnier geschubst. Sechs zu zwei, sieben zu fünf, nicht spektakulär, aber souverän. Vor allem aber: 46 unerzwungene Fehler der Gegnerin. Das sind fast so viele Eigenfehler, wie eine Wiener Bezirksvertretung pro Sitzung produziert, nur dass hier wenigstens einer davon zum Matchgewinn führte.
Der entscheidende Punkt ist freilich ein anderer. Wo „Österreichs Nummer eins“ steht, denkt das heimische Publikum reflexartig an Tennis, obwohl es offiziell noch immer einen Herrenverband gibt, der das Gegenteil behauptet. In der Realität heißt „österreichische Nummer eins“ derzeit einfach: jene Spielerin, die gerade auf einem Grand-Slam-Platz steht, während die Kolleginnen entweder verletzt, in Formkrise oder auf Heimatbesuch bei der Tante in Vorarlberg sind. Es ist der gleiche Trick, mit dem der FC Wacker Innsbruck früher Meister wurde, nur ohne das Stadion.
Im Stadion selbst, dem Louis Armstrong, das übrigens nach einem Musiker benannt ist, der vermutlich nie erleben musste, dass auf seinem Centre Court sechs Breakbälle in Folge abgewehrt werden, lief es dann doch überraschend glatt. Potapova wehrte im ersten Aufschlagspiel sechs Breakbälle ab, was ungefähr der Energie entspricht, die ein Wiener Würstelprater am Wochenende aufbringt, um einen Parkplatz zu verteidigen. Danach nutzte sie die Fehler der Weltranglisten-Zehnten, wie eine Katze eine offen stehende Katzenklappe nutzt, routiniert und ohne groß nachzudenken.
Anisimova ihrerseits wirkte, als hätte sie das Konzept der Wiener Kaffeehauskultur noch nicht vollständig verinnerlicht. Statt gelassen abzuwarten, servierte sie 46 Mal ins Aus. Die ehemalige Nummer drei der Welt, die in diesem Jahr noch nicht ganz auf Touren ist, zeigte genau jene Lässigkeit, die man ansonsten nur von Pendlern auf der S-Bahn-Linie S7 zwischen Wien und Deutsch-Wagram kennt: Die Krawatte ist gebunden, der Zug hat fünf Minuten Verspätung, der Ehrgeiz bleibt in der Garderobe. Gegen die Österreicherin, pardon, gegen die Doppelstaatsbürgerin mit Schwerpunkt Moskau, reichte das nicht einmal für den Ehrenpunkt.
Im zweiten Satz, das muss man fairerweise sagen, kam dann doch Spannung auf. Anisimova kämpfte sich zurück, holte sich das Rebreak zum 5:5, was im Sportjournalismus als „Drama“ verkauft wird, in Wahrheit aber nur bedeutet, dass die andere Spielerin kurz auf ihr Handy schaute. Am Ende war es dann der zu lange Ball der Amerikanerin, der den ersten Matchball besiegelte. Passenderweise. Denn nichts ist symbolträchtiger, als wenn der größte sportliche Erfolg einer Saison durch einen Fehler der Gegnerin zustande kommt. Das ist im Grunde auch die offizielle Wirtschaftsstrategie mancher Alpenrepubliken, nur mit mehr Budget und weniger Grund zum Feiern.
Was bleibt, ist ein Achtelfinale bei einem Grand Slam, das dritte ihrer Karriere, und der potentielle Gegner ist entweder die Weltranglisten-Fünfte Mirra Andrejewa oder eine Tschechin, deren Namen ohnehin kein Mensch fehlerfrei buchstabieren kann. Potapova darf sich also auf eine Partie freuen, bei der sie als Außenseiterin gilt, was ihre bevorzugte Rolle ist, weil dann niemand was erwartet außer die Sportredaktionen, die ohnehin schon den Artikel über das „Wunder von Flushing Meadows" in der Schublade haben. Nur zur Sicherheit, mit Platzhaltern.
Die eigentliche Pointe kommt aber jetzt. Österreich hat also eine Tennisspielerin, die bei den US Open im Achtelfinale steht. Bei den Buchmachern in Kitzbühel steht sie ungefähr bei Quote 17, beim Sportministerium irgendwo zwischen „interessant" und „Budgetfreigabe prüfen", und beim heimischen Fernsehen ist sie ab dem Zeitpunkt interessant, an dem sie entweder verliert oder ein österreichisches Trikot trägt, das es nicht gibt. So gesehen hat Potapova den härtesten Kampf schon gewonnen: Sie hat es geschafft, dass über Tennis berichtet wird, ohne dass jemand gleichzeitig über Fußball, Formel 1 oder das Wetter reden muss. Das ist in dieser Republik fast schon eine Staatsleistung.