Es gibt Dinge, die braucht ein Mensch in Poysdorf eigentlich nicht: einen Düsenjet, eine Jahreskarte für die Wiener Staatsoper und ein Smartphone, das schneller denkt als er selbst. Genau deshalb war die Stimmung im Kolpinghaus an jenem Abend so feierlich wie eine Feldmesse vor dem Angriff auf den Feind, also auf den Bildschirm.
Teilbezirksobfrau Josefa Czezatke begrüßte die Truppe mit dem Ernst einer Schiffsbesitzerin, die ihre Flotte erstmals zu Wasser lässt. Vor ihr saßen Funktionäre, frisch gewählt, nervös wie Rekruten am ersten Tag, bewaffnet mit Tablet-Stiften, die aussahen wie vergessene Kugelschreiber vom Sonntagsgottesdienst. Die Mission war klar: Die ältere Generation sollte lernen, dass E-Mails nicht per Briefträger kommen und dass ein PDF-Formular kein kleiner Papierfuchs ist.
Die jüngsten Wahlen hatten nämlich, wie man sich zuflüsterte, eine Welle neuer Funktionäre an die Macht gespült, und zwar in einer Geschwindigkeit, die selbst erfahrene Gemeindebedienstete erschaudern ließ. Männer und Frauen, die bisher Briefe mit der Hand falteten, mussten plötzlich Online-Anmeldungen bestätigen, Links klicken, die länger sind als die Weingartenzeile, und Anhänge öffnen, die keine Lederriemen sind. Es war, als hätte man Bronzezeit-Handwerkern erklärt, sie müssten ab Montag eine Fabrik leiten, nur weil der Häuptling zufrieden war.
Der Kurs selbst trug den Geist alter Pionierzeiten in sich. Eine PowerPoint-Folie wechselte zur nächsten, begleitet vom Klirren der Kaffeetassen und vom kollektiven Seufzen, wenn ein QR-Code auftauchte, der aussah wie eine Beschwörungsformel aus einem mittelalterlichen Zauberbuch. Die Vortragenden sprachen langsam, deutlich, mit der gleichen ruhigen Stimme, die auch bei der Bedienungsanleitung für den neuen Rasenmäher Verwendung findet. Niemand kam zu Schaden, was bei der Mischung aus Technik und Würde schon ein kleines Wunder war.
Besonders bewegend wurde es, als das Thema Passwörter anstand. Groß geschrieben, klein geschrieben, mindestens acht Zeichen, mindestens ein Sonderzeichen, mindestens eine Zahl. Die Gesichter der Teilnehmer erinnerten an Schachspieler, denen man gleichzeitig Dame, Schach und Würfeln erklärt. Einer nickte tapfer und schrieb sich alles auf einen Zettel, der später sicher wieder unter der Fernbedienung verschwinden würde. Eine andere Dame fragte ernsthaft, ob sie ihr Passwort aufschreiben dürfe, und die Antwort war ein diplomatisches Lächeln, das ganz Niederösterreich hätte tragen können.
Dann kam der praktische Teil. Es gab Tablets zum Anfassen, als handle es sich um Reliquien, die nur Eingeweihte berühren dürfen. Wer den Startknopf fand, bekam Applaus. Wer eine App öffnete, bekam Respekt. Wer das WLAN-Passwort der Location errriet, wurde kurz als Held gefeiert, und zwar ehrlich, ohne Ironie, ohne Hohn. Die Teilnehmer fotografierten die Folien mit ihren privaten Handys, die zum Teil älter waren als die meisten anwesenden Kinder, und schickten sie in Gruppenchats, die niemand sonst auf der Welt lesen konnte.
Am Ende stand die frisch digitalisierte Garde auf, klatschte artig und tauschte Visitenkarten aus, als käme gleich ein Wirtschaftsdelegations-Empfang im Rathaus. Man vereinbarte ein nächstes Treffen, weil das Thema Updates noch ausstand, und Updates sind, wie jeder bestätigen konnte, der gefährlichste Gegner überhaupt. Sie kommen nachts, unangekündigt, und niemand hat sie eingeladen.
Der Abend klang aus, wie Abende in Poysdorf klingen, mit Wein, mit Würde und mit dem leisen Verdacht, dass die wirkliche Revolution nicht in den Geräten steckt, sondern in der Bereitschaft, sie überhaupt anzufassen. Die Funktionäre waren nun fit für ihre Aufgaben, zumindest so fit, wie man nach einem Abend sein kann, an dem die größte Leistung darin bestand, den Bildschirm nicht aus dem Fenster zu werfen. Poysdorf atmete auf, schloss den Kolpingsaal ab und wartete auf das nächste Update. Das kommt bestimmt am Sonntag, wenn keiner damit rechnet.