Man muss sich das einmal vorstellen auf dem Parkett einer Kleinstadt im Aufsteigerrausch: 1,8 Prozent Bevölkerungswachstum, die magische Marke von 50.000 Einwohnern geknackt, der Stolz so dick wie der Spargel im Mai – und dann stellt der Stadtkindergarten den Betrieb ein. Nicht weil die Stadt pleite ist, sondern weil er ihr schlicht zu klein geworden ist. Offenbar wächst man in Wiener Neustadt so rasant, dass selbst die Räume nicht mehr hinterherwachsen. Man darf sich das also wie einen Marathonläufer vorstellen, dessen Schuhe ihm auf halber Strecke davonlaufen.
Eltern haben das monatelang kommen sehen und natürlich sofort die einzig logische Konsequenz gezogen: Sie haben selbst einen Kindergarten gegründet. Pusteblume heißt das gute Stück, benannt nach einer Pflanze, die wild wuchert und sich um keine Bauordnung schert. Die Stadt stellte den leerstehenden Standort zur Verfügung, also genau jenen Kindergarten, den sie ein Jahr zuvor aus der eigenen Hand gegeben hatte, weil er ihr zu klein war. Klein ist relativ, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, ist auch Platz für vier Gruppen, zwei Krabbelgruppen, eine Vorschulgruppe und das kollektive Selbstbewusstsein einer Elterninitiative, die jetzt lieber selber macht.
Angeführt wird das Ganze von einer Frau, die eigentlich Volksschullehrerin ist und zufällig auch noch Mutter zweier Buben, die genau in diesem Kindergarten sind. Man kann sich die Bewerbungsmappe kaum dramatischer vorstellen: zwei Kinder im System, ein Stift in der Hand, ein Blick, der sagt, ich übernehme jetzt hier. Pädagogische Leitung übernimmt eine Dame mit dem klangvollen Namen Nadja Baumrock, was klingt, als hätte sie ihre ersten Gehversuche zwischen Bildungsministerium und Reformpädagogik gemacht. Man darf spekulieren, wie viele Sitzungen die beiden bei der Namenssuche für den Kindergarten verbracht haben. Pusteblume jedenfalls klingt nach Löwenzahn, Wiese und sehr viel Zuversicht.
Dann kam der Freitag, und mit ihm die politische Hoheit. Der Bürgermeister persönlich, der Vize, der Stadtrat, der Sozialamtsleiter, dazu 250 Eltern, Freunde und Unterstützer, die allesamt feiern, was die Stadt eigentlich selbst hätte liefern müssen. Man stelle sich vor, die öffentliche Hand organisiert die Eröffnung ihrer eigenen Aufgabe. Das ist, als würde die Feuerwehr eine Einweihungsparty für einen privaten Sprinkler feiern, weil sie den Brand im Nebengebäude nicht mehr allein löscht. Klaus Schneeberger und seine illustre Runde posierten also für Fotos, lächelten in die Kameras und taten so, als hätten sie den Kindergarten mit eigenen Händen aus dem Boden gestampft, während in Wahrheit Eltern und zwei Idealistinnen die ganze Arbeit gemacht haben.
Am schönsten ist natürlich die Warteliste, die jetzt schon lang ist und es immer bleiben wird, weil mehr als vier Gruppen nicht kommen sollen. Kleine Gruppen, sichere Eingewöhnung, Vollbetrieb ab 2027, so liest sich das pädagogische Manifest einer Generation, die auf Kuschelpädagogik steht und gleichzeitig ständig neue Kindergärten braucht. Währenddessen wächst die Stadt weiter, knacken irgendwann die 55.000, dann die 60.000, und das Spiel beginnt von vorn. Nur mit dem Unterschied, dass jetzt Eltern den Druck machen, nicht die Stadtregierung.
Letztlich zeigt die Geschichte, wie man es schafft, eine banale Verwaltungsentscheidung in eine Heldenepos zu verpacken. Aufgabe abgegeben, an Eltern delegiert, bei der Eröffnung den Kuchen gegessen, den Applaus eingeheimst. Pusteblume ist also weniger ein Name als ein Programm: Man pustet sich die Verantwortung weg und schaut, was übrig bleibt. In Wiener Neustadt bleibt immerhin ein Kindergarten. Mehr hat die Stadt offenbar nicht mehr versprochen.