Es gibt Begegnungen, die brauchen keinen Anpfiff, weil das Vorspiel schon das ganze Spiel ist. Salzburg gegen Rapid ist so ein Fall, eine Art jährliche Inventur österreichischer Befindlichkeiten, bei der am Ende zwar irgendwer gewinnt, aber alle mitreden wollen. Da steht also der Tabellenführer aus Wien beim Tabellenzweiten aus Salzburg auf dem Rasen, und beide Trainer finden das ungeheuer spannend, nur komplett aus den falschen Gründen. Der eine nennt sich Außenseiter, obwohl er zu Hause spielt und seit Wochen Erfolgsmeldungen produziert wie ein Kleinwagenhersteller Pressemitteilungen. Der andere tritt an, als müsse er erklären, warum sein Verein neuerdings so unverschämt funktioniert wie erhofft.
Die Logik dahinter ist österreichisch durch und durch: Wer oben steht, darf sich nicht oben fühlen, und wer knapp darunter liegt, muss so tun, als wäre er ein Waisenknabe aus der dritten Liga. Der eine redet von großer Aufgabe und großem Gradmesser, der andere von Konkurrenzkampf und Zug im Kader, als würde die Bundesliga von der Rhetorik eines Betriebsrats regiert. Dass am Ende ein Ball rollen muss, kommt beiden fast schon wie eine Nebensache vor.
Besonders erfreulich ist das Schauspiel um die Kaderplanung, das mittlerweile jeder Provinzfußballverein wie eine staatsmännische Pressekonferenz zelebriert. Da wird ein Sechser für kolportierte sieben Millionen nach Belgien verabschiedet, als handle es sich um die Übersiedlung einer Kleinstadt. Man bestätigt eine Leihe in die Türkei, und ein Juwel bleibt im Klub, nicht weil es sportlich überzeugt, sondern weil das Angebot nicht den grün-weißen Vorstellungen entsprochen hat. Wessen Vorstellungen das genau sind, bleibt das Geheimnis einer Sportdirektion, die zwischen Medizincheck und Busplatzvergabe offenbar auch noch die Welthandelsorganisation am Laufen hält.
Am schönsten bleibt aber der Satz, dass der betroffene Spieler im Bus sitzen und auch spielen werde und diesen Transfer nicht machen werde. Das ist die konsequenteste Ansage, die der österreichische Fußballs in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Wer im Bus sitzt, ist offenbar nicht zu transferieren, und wer nicht zu transferieren ist, darf wenigstens spielen. Eine Logik wie aus dem Behördenkursbuch, irgendwo zwischen Meldezettel und Fundbüro.
Währenddessen bereitet sich Salzburg auf die Revanche vor, also auf das Endspiel einer Schmach, die aus genau drei Niederlagen in Folge besteht und damit statistisch betrachtet schon fast eine Tradition darstellt. Dass man ausgerechnet gegen jenen Trainer spielt, den man schon in England zweimal geschlagen hat, verleiht dem Ganzen eine Würde, die im österreichischen Fußball sonst nur die Kabarettabende beanspruchen. Dass beide Trainer gleich alt sind, hätte die Geschichte fast zu einer epischen Brüderlichkeit veredelt, wäre da nicht das kleine Detail, dass einer davon tatsächlich gewinnt und der andere eine Erklärung parat hat.
So wird das Spiel beginnen, irgendwann nach zwanzig Uhr dreißig, und irgendwer wird jubeln, irgendwer wird erklären, und irgendwer wird im Bus sitzen. Der österreichische Fußball bleibt damit, was er immer war: eine bürokratische Vorstellung von Sport, verpackt in ein bisschen Gras und zwei Stadien, die sich gegenseitig das Wasser nicht reichen können. Wer am Ende Außenseiter war, entscheidet wie immer die Tabelle, nicht das Selbstvertrauen, und das ist vermutlich auch der einzige Satz, der an diesem Abend für alle Beteiligten gilt.