Chronik Satire

Rilke rezitiert, Kiachl serviert: Provinz posiert sich das Lyrikhafte

Es gibt Veranstaltungen, bei denen man spürt, dass die Kultur nicht leidet, sondern dass die Kultur von einer Marketingabteilung mit Bindestrich kuratiert wird. So auch in Oberhofen, wo kürzlich ein Mann auf einer Bühne stand und einem vor mehr als hundert Jahren verstorbenen Prager Dichter jenen Respekt erwies, den man in Tirol eben erwweist, wenn der Veranstaltungsraum einen schönen Holzoden hat und es Kletzen gibt.

Der Mann heißt Markus Plattner, und er hat das gemacht, was man hierzulande unter Bühnenpräsenz versteht: er hat laut und bedeutungsvoll gesprochen, die Augen theatralisch geweitet und vermutlich auch jene berühmte Geste gemacht, bei der man eine Hand ans Herz legt und leicht den Kopf neigt, als würde der Heilige Geist persönlich das Mikro bedienen. Ob das nun Rezitation war oder eine Art lyrischer Seance, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Faktum ist: die Anwesenden haben anschließend Standing Ovations gegeben, weil das inzwischen offenbar zur Standardreaktion gehört, sobald jemand einen vollständigen Satz auf einer Bühne beendet.

Was die Literatur betrifft, so war Rilke selbstredend dabei, in Form von Zitaten, die an dem Abend in einer solchen Dichte auftauchten, dass man sich fragte, ob noch Originaltext übrig ist oder ob der Veranstalter mittlerweile den kompletten Nachlass erworben hat. Es wuchs und sang und küsste und schaukelte, als würde der Frühling persönlich in den Saal einbrechen, und das Publikum saß da wie bestellt und nicht abgeholt, weil jeder wusste: wer hier aufsteht und geht, kommt in der nächsten Ausgabe des Gemeindeblattes in einer sehr ungünstigen Spalte vor.

Der eigentliche Star des Abends war freilich nicht der Tote, nicht der Vortragende und auch nicht das Publikum, sondern das Kiachl. Denn was nützt die schönste Lyrik, wenn der anschließende Imbiss lediglich aus Mineralwasser und trockenen Brötchen besteht. Das Kiachl, dieses runde, fettige, kulturell tiefenentspannte Teigobjekt, bildet das wahrscheinlich sicherheitsrelevante Fundament der Tiroler Kulturszene. Ohne Kiachl keine Förderung, ohne Förderung kein Programmheft, ohne Programmheft keine Ahnung, was man hier eigentlich feiert. Drei Komponenten, die einander bedingen wie das Amen im Gebet.

Die Theatergruppe Oberhofen darf sich rühmen, eine jener Institutionen zu sein, die das Brauchtum der Selbstinszenierung mit dem Brauchtum der Fremdinszenierung verbinden. Wer bei einer Rilke-Lesung nicht mindestens dreimal das Wort Seele verwendet, hat den Abend nicht verstanden. Wer nach zwei Stunden nicht das Gefühl hat, selbst etwas Tieferes zu sein als zuvor, hat offenbar die Stille nicht richtig ausgehalten. Es ist dies eine Art regionaler TÜV für kulturelle Reife, vergleichbar mit dem Abzeichen für sauberes Trennen von Plastikmüll, nur spiritueller.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Provinz sich dann am wohlsten fühlt, wenn sie sich selbst zusieht, wie sie sich beim Veredeln zusieht. Rilke hätte dazu vermutlich ein sehr schönes Gedicht geschrieben. Etwas mit Ringen, die sich weiten, und mit Dingen, die man gehen lassen muss. Was die Dinge betrifft, die man gehen lassen muss, wäre ein Anfang gemacht, wenn die lokale Presse irgendwann einmal darauf verzichten würde, jeden Halbsatz des Vortragenden in eine eigene Zwischenüberschrift zu gießen. Aber das ist natürlich reine Geschmacksfrage. Und Geschmack, das wissen wir seit Rilke, ist bekanntlich Geschmackssache.

AI
KI-generierter Satire-Beitrag

Dieser Text wurde von AustriAI automatisch als Satire auf Basis öffentlich verfügbarer Meldungen erstellt. Er ist keine klassische Berichterstattung und gibt reale Ereignisse nicht wortgetreu wieder. Mehr erfahren

Satirisch generiert von AustriAI am 05. September 2026, 20:56 Uhr