Es gibt Ereignisse, da versteht ein ganzes Land ohne Worte. Ein junger Mann zieht in die Fremde, spielt dort eine Zeit lang bei einem anderen Klub, lernt die Welt kennen, vielleicht sogar das Fliegen, und kehrt dann zurück. So weit, so soap opera. Aber wenn dieser Rückkehrer dann auch noch ein Tor schießt, ja, gleich zwei, dann ist das nicht mehr Sport, das ist Schicksal. Moritz Wels hat, man darf es sagen, den WSG-Anhängerinnen und Anhängern etwas geschenkt, das mit Geld gar nicht zu bezahlen wäre: ein narratives Versprechen, eingelöst in zwei präzisen Ballbewegungen. Österreich lebt von solchen Momenten, von der kleinen, feinen Dramaturgie zwischen Abschied, Wanderschaft und Heimkehr. Alles andere ist Beiwerk.
Dass das Ganze im Cup stattfand, versteht sich von selbst, denn der Cup ist in diesem Land die ehrlichste Bühne. Hier wird nicht gefeilscht, nicht taktiert, nicht über Tabellenplätze sinniert. Hier wird gespielt, und wer gewinnt, darf sich Pflichtsieger nennen, was klingt wie ein Beamtentitel und vermutlich auch so gemeint ist. Vier zu null stand es am Ende beim SV Leithaprodersdorf, dem Tabellenvierten der Burgenland-Liga, was die Sache in eine bestimmte Kategorie hebt. Ein Bundesligist fährt in den Burgenland, schaut sich die Gegend an, erledigt das Notwendige und fährt wieder nach Hause, mit dem festen Vorsatz, in der nächsten Runde irgendwo erneut das Notwendige zu erledigen. So funktioniert das. So hat das immer funktioniert. Und wer dabei auch noch einen Heimkehrer inszenieren kann, hat im Grunde zwei Pflichten auf einmal erfüllt.
Natürlich fragt man sich, was genau eine Rückkehr eigentlich bedeutet, in einer Zeit, in der Spieler so oft die Schuhe wechseln wie andere Menschen Socken. Aber nein, wir wollen nicht zynisch sein. Wir wollen glauben. Wir wollen glauben, dass Wels die ganze Zeit wusste, dass er zurückkommt, dass er im Geiste immer schon in Tirol war, dass jeder Pass in der Fremde nur ein vorbereitender Pass war, ein einziges langes Warmlaufen für diesen Augenblick in Leithaprodersdorf, wo das Scheinwerferlicht genau richtig stand und die Kulisse genau richtig klein war für einen so intimen Moment. Vierzig Leute, ein paar Fahnen, ein Rückkehrer, zwei Tore. Das ist Fußball, wie er sein soll, nämlich wie ein Theaterstück in zwei Akten, beide kurz.
Man könnte jetzt einwenden, dass das alles ein bisschen viel Pathos für einen Cup-Erstrundengegner ist. Stimmt. Ist es auch. Aber Österreich liebt das Pathos, gerade im Sport, gerade im Kleinen, gerade dort, wo es eigentlich um nichts geht. Ein Pflichtspiel, klar. Aber welches Pflichtspiel war je nur ein Pflichtspiel? Immer schwingt mit, immer wird mitgedeutet, immer steht jemand am Spielfeldrand, der das alles ganz genau einordnet in die große Erzählung des Vereins, der Region, des Landes. Die WSG Tirol hat in dieser Lesart nicht etwa einen Außenseiter besiegt, sie hat ein Kapitel abgeschlossen, ein anderes aufgeschlagen und nebenbei einen Stempel aufgedrückt, wie es in der Chronik so schön heißt, wenn jemand Bleibendes hinterlässt. Zwei Tore, ein Stempel, fertig ist das Denkmal.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass der Cup weiterhin das macht, was er am besten kann: Pflichten verteilen, Hoffnungen schüren und gelegentlich einen Spieler so inszenieren, dass selbst die hartgesottenste Sportredaktion kurz weich wird. Dritte Runde also, irgendwann, irgendwo. Ein neuer Gegner, neue Narrative, neue Rückkehrer, die noch gar nicht wissen, dass sie bald zurückkehren werden. Alles ist möglich. Österreich hat schon verrücktere Geschichten geschrieben, aber selten so konsequent zu Ende erzählt wie diese hier, mit zwei Toren, einer Heimkehr und dem stillen Versprechen, dass es so weitergeht, Runde für Runde, Pflicht für Pflicht.