Wenn in einem deutschen Bundesland eine Wahl gewesen ist, dann beginnt jene Phase, die jeder Österreicher aus dem Fernsehen kennt: das große Tastenspiel der möglichen Mehrheiten. In Sachsen-Anhalt wurde gewählt, das Ergebnis steht, und jetzt stehen vor allem Menschen mit ernsten Gesichtern vor Kameras und sagen Sätze, bei denen man instinktiv nachschaut, ob die Klimaanlage im Studio zu kalt eingestellt ist.
Die stärkste Kraft sieht das Ergebnis als klaren Auftrag und stellt Bedingungen auf, weil Aufträge in der Politik bekanntlich nie umsonst geliefert werden. Punkte wie ein höflicher Umgang miteinander wurden gefordert, was so viel heißt wie: Wir setzen uns gemeinsam an einen Tisch, und der Tisch ist ab jetzt eine Verhandlungsbühne. Man darf gespannt sein, wie viele Stoffservietten die Landesregierung für diese Art von Gespräch anschafft.
Die zweitstärkste Partei wiederum spricht von einem Debakel, was unter Landsleuten nichts anderes heißt als: Man hat mehr Stimmen geholt als erwartet, weniger als gehofft, und die Sitzordnung im Landtag wird jetzt mit dem Lineal neu vermessen. In solchen Momenten treten die wirklich wichtigen Fragen in den Vordergrund, etwa die, wer künftig den Kantinenkuchen bei Fraktionssitzungen anschneidet und wer die Pressemitteilung mit den Worten „wir nehmen das Wählervertrauen ernst" gegenzulesen hat.
SPD, Linke, Grüne und BSW schafften es einstellig in den Landtag, also genau in jene komfortable Zone, in der man weder jubeln noch weinen muss, sondern gemütlich von der Seitenlinie aus beobachten kann, wie sich die Großen die Teller zuschieben. Das ist die politische Form des hinteren Platzes beim Wirtshaus, von dem aus man am besten kommentiert, wer das Schnitzel zu klein findet.
Der wahre Höhepunkt solcher Wochen ist allerdings die Kunst der Mehrheitssuche. Fünf Parteien, vier Buchstaben kürzer als die Anzahl der Klubobleute, und am Ende vielleicht eine Konstellation, die kein Mensch auf dem Wahlzettel so zusammengestellt hätte. In Sachsen-Anhalt beginnt nun das öffentliche Sortiment an Sondierungen, Gesprächen, Runden, Runden Runden, Formaten, Formaten mit Format, und am Ende eine Koalition, deren Name erst erfunden werden muss, weil ihn noch kein Wahlforscher kennt.
Es wäre auch zu schön gewesen, wenn die Republik einfach einmal ein Modell geliefert hätte, bei dem am Montag ein Ergebnis verkündet, am Dienstag die Regierung steht und am Mittwoch die erste Sitzung beginnt. Stattdessen gibt es Gespräche über Gespräche über Gespräche, weil politische Kommunikation in Deutschland offenbar denselben Regeln folgt wie ein Wiener Würstelstand um halb zwölf: Jeder weiß, was bestellt wird, aber alle warten noch auf jemanden, der offiziell sagt, dass es jetzt losgeht.
Was bleibt, ist die tröstliche Gewissheit, dass irgendwann eine Regierung stehen wird, mit oder ohne absolute Mehrheit, mit oder ohne neue Bedingungen, aber immer mit der gleichen Choreografie aus Pressekonferenzen, in denen jemand sagt, man führe vertrauensvolle Gespräche. Die Wählerinnen und Wähler wiederum dürfen dasitzen wie das Publikum bei einer sechsteiligen Serie, bei der jede Folge so endet, dass man eigentlich schon weiß, wer gewinnt, aber trotzdem auf die nächste Staffel warten muss.
Und falls am Ende wirklich niemand weiß, wie man aus diesem Buchstabensalat eine stabile Mehrheit bauen soll, dann bleibt zumindest die Aussicht auf einen spannenden Herbst, in dem die politische Landkarte Sachsens umsortiert wird wie ein Wäscheberg vor dem großen Waschtag. Falsche Farben trennt man eben am besten in der Maschine, und die Maschine läuft in Sachsen-Anhalt jetzt auf Hochtouren.