Vier zu eins. Wer diese Zahl hört, denkt zunächst an ein freundliches Volleyball-Ergebnis aus der Hobbyliga, doch im niederösterreichischen Waldviertel handelt es sich um nichts Geringeres als die sportliche Apokalypse schlechthin. Die Spielgemeinschaft Sallingberg/Ottenschlag, also jenes Konglomerat aus zwei Orten, deren Einwohner sich gegenseitig die Postboten streitig machen, hat zugeschlagen. Und wie sie zugeschlagen hat. Zur Halbzeit stand es noch 1:1, was sich im Nachhinein als gnadenlose Täuschung des Publikums herausstellen sollte, eine Art kosmischer Vorhang, der sich kurz lüftet, bevor das Drama so richtig beginnt.
Die zweite Halbzeit muss man sich vorstellen wie den Moment, in dem der Dorfpolizist mit der Kelle winkt und alle wissen, dass es jetzt wirklich ernst wird. Sallingberg, dieser stolze Flecken mit seinen vielleicht zweieinhalb beleuchteten Straßenlaternen, hat in fünfzig Minuten Fußballgeschichte drei Tore gegen jene Mannschaft erzielt, mit der man sich seit Menschengedenken die Feuerwehrfeste teilt. Ottenschlag, ohnehin chronisch unter Schafsmähsaison-Bedingungen trainiert, wirkte ab der fünfzigsten Minute wie eine Wandergruppe, die sich im Nebel verlaufen hat und nur noch auf den Bus wartet.
Was dieses Ergebnis wirklich auszeichnet, ist seine narrative Wucht. Denn solche Kantersiege sind im niederösterreichischen Amateurfußball keine bloßen Spielausgänge, sie sind Staatsakte. Noch in drei Generationen werden alte Männer im Wirtshaus sitzen, das Bier kaum anrühren und mit leuchtenden Augen berichten, wie der Enkerl damals das dritte Tor geschossen hat, damals, im September, als alles begann. Trainer werden in Pension gehen und bei jeder Familienfeier dieselbe Geschichte erzählen, mit jedem Erzählen wächst die Zahl der Tore um mindestens zwei, bis aus dem 4:1 irgendwann ein 7:1 wird und der Gegner zu einer Art mythologischer Sportplakette degeneriert, an der sich jede zukünftige Niederlage messen lassen muss.
In Ottenschlag hingegen herrscht jene eigenartige Stille, die man sonst nur aus Pfarrgemeinderäten kennt, wenn der Mesner die Opferkerze umwirft. Man werde analysieren, heißt es, man werde Konsequenzen ziehen, man werde in aller Ruhe die Saison betrachten. Was übersetzt bedeutet, dass bis zum nächsten Heimspiel die busfahrtuntauglichen Spieler ausgesortiert werden und der Platzwart eine Brandrede nach der anderen schwingen darf, während die treuen Fans den Rasen mit ihren Tränen düngen. Der Trainer, dessen Namen an dieser Stelle nicht genannt werden muss, weil ihn ohnehin jeder kennt, wird vermutlich um Mitternacht aufstehen, das Licht im Arbeitszimmer einschalten und auf einem Klemmbrett notieren, welche Stürmer künftig bitte nicht mehr in der Nähe des Balles gesehen werden dürfen.
Das eigentlich Sensationelle an diesem Resultat ist aber nicht die Tordifferenz, sondern die Tatsache, dass es ausgerechnet eine Spielgemeinschaft war, die hier als Triumphator auftritt. Sallingberg/Ottenschlag, dieser Hybrid, diese Verwaltungseinheit auf vier Beinen, hat es also geschafft, gegen sich selbst zu gewinnen, wenn man die Logik der regionalen Identität konsequent zu Ende denkt. Halb Sallingberg, halb Ottenschlag, siegreich über Ottenschlag, also auch ein bisschen über sich selbst. Es ist, als hätte sich das Waldviertel kurz selbst gehackt und dabei festgestellt, dass es gar nicht so schlecht programmiert ist.
Gewinnen werden am Ende alle, denn so funktioniert der niederösterreichische Amateurfußball. Sallingberg wird sich rühmen, Ottenschlag wird sich opfern, der Platzsprecher wird heiser sein, und der Kantinenbetreiber wird am Ende des Tages die meisten Tore geschossen haben, weil die Leute nach solch einem Schlachten ja doch nichts anderes brauchen als eine halbe Stange und ein belegtes Brot. Wer am Ende mit 4:1 dasteht, ist hier weniger eine Frage der Taktik als der Hartnäckigkeit, mit der man die Bierbank später besetzt hält. So gesehen war es vielleicht doch der verdiente Sieger.