Salzburg im September. Während draußen die Touristen mit Eisbein und Mozartkugeln von der Getreidegasse geschoben werden, dreht sich drinnen das Karussell der großen Kulturnation weiter. Die Festspiele, jenes weltberühmte Institut für hohe Kunst und noch höhere Sitzungen, haben mal wieder ihren Lieblingsbetrieb aufgenommen: das Intrigenspiel. Diesmal mit zwei freien Stellen gleichzeitig, was bei eingefleischten Beobachtern fast zärtliche Erinnerungen an die ganz großen Wiener Koalitionskrisen weckt.
Zuerst wird einmal ein Intendant gesucht. Kein Problem, die Kandidaten liegen quasi auf der Straße, man muss sie nur aufheben. Allerdings behauptet ausnahmslos jeder, er oder sie habe sich nicht beworben, sei lediglich zufällig vorbeigekommen und habe sich kurz auf eine Bank gesetzt. Einer soll sogar die besten Chancen gehabt haben, dementierte aber sofort, weil Dementis in Salzburg offenbar zur Grundausstattung gehören wie der Rotwein zur Festspielnacht. Die Volksoper-Chefin, die in einem Atemzug als Idealbesetzung gehandelt und als Nichtbewerberin entlarvt wurde, steht damit in bester Tradition aller heimischen Kulturfunktionäre, die sich grundsätzlich nie bewerben, sondern gerufen werden.
Parallel wird das Präsidentenamt neu ausgeschrieben, denn die amtierende Chefin darf nach getaner Arbeit eigentlich weiterwurschteln, tut aber aus unerfindlichen Gründen nicht so, als wäre das völlig überraschend. Genannt werden eine Salzburgerin, die seit zwanzig Jahren eine Berliner Bühne leitet, eine Wiener Rektorin, die wahrscheinlich falsch besetzt wird, und ein ehemaliger Außenminister, der sich für ungeeignet hält, Sponsorgelder aufzutreiben. Letzteres gilt in der Regel als K.o.-Kriterium, weshalb seine Chancen steigen, sobald er sie ausspricht. Auch der kaufmännische Direktor, der sich gerade als Architekt eines gigantischen Bauprojekts unsterblich gemacht hat, lächelt nur müde, wenn man ihn auf das höchste Amt anspricht. Man solle das Gezwitscher der Vögel nicht überbewerten, sagt er, und die Vögel schweigen höflich.
Der Dirigent des Hauses indes liefert die philosophische Begleitmusik. Wir seien alle nur ein Sandkorn, lässt er verlauten, was zwar nicht falsch ist, aber in Salzburg klingt es schon ein bisschen nach Selbstüberschätzung. Nach Karajan ging es weiter, nach Hinterhäuser wird es weitergehen, das ist die tröstliche Botschaft, die gleichzeitig bedeutet, dass die Festspiele jeden möglichen Nachfolger überleben werden, egal, ob er kommt oder nicht. Salzburg ohne Festspiele ist ungefähr so vorstellbar wie Wien ohne Beamte, also theoretisch möglich, aber praktisch sofort wieder eingeführt.
Am Ende steht, wie immer in der Hochkultur, die alles entscheidende Frage im Raum: Wer hat das bessere Netzwerk, wer kann am geschmeidigsten mit Sponsoren, wer lächelt am längsten bei Empfängen, ohne dass die Champagner-Plörre überläuft? Beantwortet wird das freilich erst nach dem Sommer, nach ein paar weiteren Dementis, einer Pressekonferenz und mindestens einem prominenten Rückzieher. Bis dahin gilt in Salzburg wie immer: nichts ist fix, alles ist möglich, und niemand hat sich beworben.