Man darf sich kurz die Augen reiben, dann ist die Sensation komplett. Der FC Schalke 04, immerhin ein Verein, dessen Anhänger einst glaubten, die Bundesliga sei eine Art Naturrecht auf Titel, kommt tatsächlich nach Lustenau. Nicht nach Dortmund, nicht nach Gelsenkirchen, nicht einmal in die Hauptstadt, sondern in eine Stadt, in der normalerweise die größte sportliche Krise ein nicht funktionierender Kaugummiautomat am Bahnhof ist.
Die Austria Lustenau behandelt den Besuch naturgemäß wie die Landung der Mondlandefähre in Vorarlberg. Endlich passiert etwas auf internationalem Parkett, das den Verein nicht nur in der eigenen Vereinschronik, sondern auch im kollektiven Bewusstsein der Republik verankert. Die SUN MINIMEAL Arena wird zur Pilgerstätte, die Bandenwerbung zum Politikum, die Kantine zum diplomatischen Empfangssaal. Wichtig ist, dass alles seine Ordnung hat, man will ja nicht, dass die deutschen Profis am Ende noch schlecht über die Semmel mit Grammeln reden.
Der genaue Termin steht noch nicht fest, was bei Events dieser Größenordnung durchaus üblich ist. Schließlich kann man einen Verein wie Schalke 04 nicht einfach nach Lustenau einladen wie den Installateur. Man wartet höflich, man lächelt verbindlich, man lässt die Spielplanabteilung der Bundesliga mit der des österreichischen Unterhauses korrespondieren wie zwei Staatskanzleien. Irgendwann fällt ein Datum zwischen 2. und 4. Oktober, weil zwischen irgendwann und endgültig in der österreichischen Verwaltung der berühmteste Zeitraum überhaupt liegt.
Dass die Partie ausgerechnet in einer Länderspielpause stattfindet, ist natürlich kein Zufall, sondern sportpolitische Strategie. Schalke 04 besitzt offenbar einen ausgeprägten Sinn für leere Stadien und überschaubare Laufwege, denn das Ländle eignet sich hervorragend als Trainingslager mit Publikum. Die Austria ihrerseits darf endlich zeigen, dass sie gegen einen Verein mit Meisterschaften in der Vitrine bestehen kann, ohne dass es sofort wehtut, weil das Ergebnis in der Zeitung ohnehin unter „Vermischtes" läuft.
Über den Spielwert des Ganzen muss man nicht lange streiten. Auf der einen Seite ein Klub, der sich seit Jahren im emotionalen Ausnahmezustand zwischen Tragödie und Boulevard befindet. Auf der anderen Seite ein Verein, der sich redlich müht, irgendwo zwischen Tradition und Existenzkampf den Kopf über Wasser zu halten. Zusammen ergibt das ein Testspiel von Weltrang, eine Begegnung, die in keinem Ranking steht, aber in jedem Fallort von Vorarlberg mindestens dreimal erzählt wird.
Die größte Nebensache bleibt freilich der Stadionname. Eine SUN MINIMEAL Arena klingt, als hätte ein Fertiggericht-Hersteller ein Heiligtum des Amateurfußballs gesponsert, und genau das ist vermutlich auch die Idee dahinter. Wenn schon die Welt zu Gast ist, dann wenigstens mit korrektem Catering-Branding. Am Ende wird Schalke 04 nach Lustenau kommen, drei Tage bleiben und weiterziehen. Lustenau wird den Besuch dagegen in Bronze gießen, auf die Homepage nageln und in jeder Mitgliederversammlung der nächsten zehn Jahre mindestens einmal pro Sitzung erwähnen. Das ist vermutlich der wahre Test: Wer hält die Erinnerung länger aus, der Gast oder der Gastgeber?