Es gibt Rätsel, da weiß man, sie werden nie gelöst. Das Schieberätsel Nummer 774 gehört eindeutig dazu. Seit Donnerstagabend um 18:30 Uhr sitzen in einem Großraumbüro in Tirol mehrere Menschen vor ihren Rechnern und starren auf vier mal vier kleine Felder. Sie klicken. Sie fluchen. Sie klicken wieder. Es ist das digitale Pendant zu jenen Bergbauern, die im Winter stundenlang den Auspuff freischaufeln, nur um dann festzustellen, dass der Traktor gar nicht dort steht.
Das Ziel ist, so heißt es voller Pathos, das gesuchte Bild. Welches Bild, fragt man sich da unwillkürlich. Jenes der erlösenden Erkenntnis? Jenes eines glücklichen Landes, in dem nichts mehr verschoben werden muss? Oder einfach nur das Foto einer Kuh auf einer Alm, das seit Jahren auf demselben Server schlummert und dringend mal wieder Aufmerksamkeit braucht? Genau weiß das niemand, aber das hat noch nie jemanden davon abgehalten, mit vollem Ernst so zu tun, als wäre das Puzzle eine geopolitische Herausforderung.
Besonders beliebt ist das Spiel offenbar bei jenen, die tagsüber Reden halten, Sitzungen leiten und ansonsten den Eindruck erwecken, als könnten sie einen Terminkalender bedienen. Abends dann das grüne Feld. Das eine grüne Feld, an das alles grenzt, was verschoben werden will. Man stelle sich das vor: Ein Erwachsener mittleren Alters, Brille auf der Nasenspitze, Zeigefinger auf der Maus, Lippen leicht geöffnet, flüsternd: „Wenn ich jetzt das Teil nach rechts schiebe, dann …“ Dann nichts. Gar nichts. Außer einem weiteren Klick und einem weiteren Seufzer.
Die wahren Helden dieser Geschichte sind freilich die Kolleginnen und Kollegen, die jeden Morgen aufs Neue die Schlagzeilen sortieren, das Wordle des Tages lösen und anschließend in der Kaffeeküche so tun, als wäre alles halb so wild. Sie wissen: Ein nicht gelöstes Schieberätsel ist kein Versagen, sondern ein Lebenszeichen. Wer abends noch verschiebt, hat noch Hoffnung. Wer gar nicht erst klickt, hat bereits aufgegeben.
Mittlerweile hat das Ganze Ausmaße angenommen, die selbst gestandene Frühaufsteher beunruhigen. Die Klickstatistik, so munkelt man, soll inzwischen höher sein als jene der morgendlichen Wetterprognose. Es wird geprüft, ob das nicht ein Zeichen ist. Ein Zeichen für was, bleibt unklar, aber es wird geprüft. Es wird sogar eifrig geprüft. Man prüft, ob mobile Nutzer verzweifeln. Man prüft, ob die Kacheln beim Verschieben Geräusche machen sollten. Man prüft, ob die Farbe Grün wirklich Grün ist oder ob es sich um eine regional abweichende Interpretation von Tiroler Almwiese handelt.
Am späten Abend dann der erste Erfolg. Eine Praktikantin, die eigentlich nur den Drucker reparieren wollte, löst das Rätsel in drei Sekunden. Sie hat einfach alles nach unten geschoben. Die Chefredaktion ist fassungslos. Nicht, weil es geklappt hat, sondern weil es so simpel war. Man beruft eine Krisensitzung ein. Es wird über Formate diskutiert, über Klickwege, über das Für und Wider von Hinweistexten. Am Ende steht fest: Ab sofort gibt es das Schieberätsel auch mit einem kleinen Begleitkommentar, damit niemand mehr auf die Idee kommt, es handle sich hier um ein harmloses Spielchen. Es handelt sich nämlich, so die offizielle Lesart, um eine Nagelprobe journalistischer Sorgfalt, um eine Säule der digitalen Pressevielfalt und überhaupt um die Zukunft.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass irgendwo in Tirol auch morgen Abend wieder jemand vor einem Bildschirm sitzt, konzentriert die Stirn runzelt und flüstert: „Nur noch das eine Teil, nur noch das eine.“ Die Kuh auf der Alm schaut derweil stoisch in die Kamera, als wüsste sie längst, dass nichts verschoben werden muss. Gar nichts. Außer vielleicht der eigene Anspruch, abends noch irgendetwas zu lösen.