Montag, 7. September, und das große Schnaufen hat ein Ende. Rund 200.000 Kinder und Jugendliche in Niederösterreich müssen nach den Sommerferien wieder das tun, wofür Schulen eigentlich gebaut wurden: lernen, leiden, sich benehmen und möglichst nicht auffallen. Während die einen noch beim Italiener die letzte Kugel Tiramisu zelebrieren, sitzen die anderen schon im Bus und fragen sich, ob die Hefte aus dem Vorjahr noch brauchbar sind. Antwort: nein, aber das merkt erst der Spind.
Apropos Italiener: Wer geglaubt hat, dass nach sechs Wochen Hitze, Pool und Großeltern-Respekt eine irgendwie geläuterte, reflektierte Schülerschar zurückkehrt, irrt. Es kommen dieselben wieder, nur mit Handyverbot im Kopf und schlechtem Gewissen im Ranzen. Die Eltern ihrerseits stehen bereit, mit vollem Terminkalender, ausgeklügeltem Mittagessenkonzept und der tiefen Überzeugung, dass das eigene Kind heuer ganz sicher die Mathe-Arbeit rockt. Rockt es nicht, liegt es am System. Immer.
Und das System liefert, wie bestellt. Ein neues Schuljahr bringt nämlich, wie jedes Jahr, einen frischen Satz an Regeln, Visionen und Verboten, die in geballter Ladung aufwarten. Da wäre der vielbeschworene Chancenbonus, der vermutlich so funktioniert wie alle Boni: ein paar bekommen alles, der Rest bekommt das Versprechen. Daneben ein Kopftuchverbot, das tapfer jene Probleme löst, die in den Pausenhöfen Niederösterreichs am seltensten vorkommen, während die echten Krisen, also respektloses Verhalten, Dauerhandy und kollektive Lernverweigerung, weiterhin als pädagogische Herausforderung verbucht werden.
Man darf sich das bildlich vorstellen: Auf dem Bildungsserver klickt sich die Ministerialbürokratie durch ein Dutzend Erlässe, während unten in der Direktion jemand mit Edding ein Verbotsschild auf die Glaswand malt. Es wird gechillet, was das Zeug hält, vorausgesetzt, es ist nicht auf dem Kopf getragen, denn das ist ab sofort verboten, und sei es noch so bequem. Wer glaubt, dass dies die größte Baustelle ist, hat die baulichen Zustände mancher Schulen nicht gesehen, aber das ist ein anderes Kapitel, eines, das die Politik ungern aufschlägt, weil man dann auch liefern müsste.
Derweil stolpert der Lehrkörper durch die ersten Tage wie jemand, der nach einer Fusion zwischen Betriebsausflug und Pflichtveranstaltung versucht, das neue Schuljahr mit Energie und Esprit zu starten. Konferenzen werden abgehalten, Sitzungen werden verlängert, Sitzungen über Sitzungen werden einberufen, und am Ende sagt jemand: Schauen wir einmal. Schauen wir einmal, ob die Schüler diesmal pünktlich kommen, ob die Hefte diesmal vollständig sind, ob die Eltern diesmal nicht am ersten Tag eine Beschwerde-Mail schicken. Die Wahrscheinlichkeit liegt, höflich formuliert, im Bereich des Schulhofgerüchts.
Am Ende bleibt das altbekannte Ritual: Die Kinder gehen brav zur Schule, weil es halt so gehört, die Eltern nicken tapfer und kaufen schon im September die ersten Schulsachen für nächstes Jahr, weil die Erfahrung lehrt, dass nichts teurer wird als die letzte Minute. Und die Bildungspolitik verkauft das Ganze wie ein neues Modellauto mit Chromfelgen: glänzend, laut und im Grunde genommen doch wieder derselbe Verbrenner. Man darf gespannt sein, was im Jänner alles nicht funktioniert hat und welche kühne Reform dann Abhilfe schaffen wird. Vermutlich eine neue.