In der Mozartstadt hat sich am Wochenende ein kleines Fußballwunder ereignet, und nein, es war kein Sieg. Sondern ein Akt der Reue, wie man ihn sonst nur aus dem Beichtstuhl kennt. Ein Wiener Vorstadtverein, dessen Kader gerade einmal das Durchschnittsalter eines Lehrlings erreichte, kniete nach einer historischen Klatsche symbolisch nieder und erklärte feierlich, man stehe in der Schuld. Wessen Schuld, blieb zunächst unklar, vermutlich die des lieben Gottes, des Wettergottes und vor allem jene des Bundesliga-Spielplans, der sich erneut als gemeiner Verschwörer entpuppte.
Trainer Helm, ein Mann mit der Ausstrahlung eines Buchhalters vor der Steuerprüfung, hatte wie gewohnt das Herz auf der Zunge und den Nachwuchs in der Startelf. Achtzehnjährige Gesichter, die man eher vom Schulausflug kennt als von der Bundesliga, wurden ins kalte Wasser geworfen, bekleidet mit dem violetten Leibchen, das traditionsgemäß jeder tragen muss, der in Wien den Aufstieg in die Katastrophe wagt. Frische Beine, hieß es, seien wichtig. Frische Beine, stellte sich heraus, können auch stolpern, und zwar kollektiv, und zwar derart, dass man nach einer halben Stunde bereits wie ein Tischtennisball auf einer Stahlplatte wirkte, nur weniger elegant und ohne den Ping-Pong-Spaß.
Der Spielverlauf selbst liest sich wie das Drehbuch zu einer Komödie, die niemand bestellt hat. Ein Eigentor leitete die Pleite ein, gefolgt von einem Kopfball, gefolgt von einem Sonntagsschuss, alles in einem so gemütlichen Tempo, als würde die Heimmannschaft nur ihre Pflichtübung absolvieren. Die Wiener Defensive agierte dabei nach dem bewährten Motto: Jeder gegen jeden, und am Ende gewinnen alle anderen. Die Abstimmung zwischen den Verteidigern erinnerte an das Zusammenspiel zweier Tanzschüler beim ersten Discofox, nur dass hier niemand das Tanzen erlernte, sondern das Verfehlen.
Der einzige Lichtblick trug den Namen Sahin-Radlinger, den man nur deshalb nicht zum Spieler des Tages kürte, weil der Gegner ihm dazu gar nicht die Gelegenheit gab, indem er ständig in die richtige Richtung schoss. Ansonsten war die Austria an diesem Abend das, was der Wiener in solchen Fällen nennt: ein Debakl mit Ankündigung. Das Tor zum 1:3 weckte Hoffnungen, die sofort wieder eingeschläfert wurden, als wäre das Aufwecken selbst eine Beleidigung der lokalen Trauerkultur gewesen.
Kapitän Fischer, der bei alldem verständlicherweise aussah wie ein Schiedsrichterassistent auf der Suche nach seinem Hauptberuf, hielt nach dem Spiel eine Brandrede, die in die Annalen der österreichischen Fußballgeschichte eingehen wird. Wir stehen in der Schuld, donnerte er, und meinte damit vermutlich die fünf Millionen Euro Gehaltskosten, die Hypothek auf der Vereinszentrale, die ausstehende Stadionmiete sowie die ungeschriebenen Gesetze des Wiener Sports, die besagen, dass Niederlagen ab drei Toren Unterschied stets mit einem Satz beginnen müssen, der das Wort Schuld enthält. Ob Buße oder Beichte, blieb der Phantasie der Gläubigen überlassen.
Am Mittwoch wartet nun WSG Tirol auf den Nachtrag, und die Stimmung im Lager der Veilchen erinnert an die Ruhe vor dem nächsten Stuhlgang, pardon, Spiel. Ein Sieg ist Pflicht, verlautete aus der Chefetage, was angesichts der jüngsten Leistungen etwa so plausibel klingt wie ein Weight-Watcher-Vorsatz beim Würstelprater. Doch sei es drum, die Wiener Fans bleiben tapfer, trinken ihren Kaffee, halten die Fahnen hoch und träumen von einem Punktgewinn in Tirol, der traditionsgemäß nur dann gelingt, wenn beide Mannschaften gleichzeitig verlieren. Möge der Sportgott gnädig sein und der Schiedsrichter blind, so bleibt am Ende wenigstens das Wohlgefühl, in der richtigen Schuld zu stehen.