Wenn der September so feucht daherkommt wie dieses, als hätte der Himmel ein Einsehen mit den ohnehin schon depressiven Gelsen, dann passiert etwas, wovor jedes oberösterreichische Innenministerium schon Wochen vorher die Warn-Apps warmlaufen lässt: Die Schwammerln schießen. Sie schießen nicht metaphorisch, sie schießen im Sinne eines ungebremsten Wildwuchses, der jeden Sonntagsausflug in ein kulinarisch-existenzielles Glücksspiel verwandelt. Der Wald wird zur Pilz-Börse, der Spazierweg zum Roulette-Tisch, und wer ohne Einkaufskorb und ohne drei grundverschiedene Bestimmungsbücher losmarschiert, spielt halt russisches Roulette mit Champignon und Knollenblätterpilz.
Die populäre Unterscheidung in essbare und giftige Pilze ist eine jener Volksweisheiten, die so hilfreich sind wie der Hinweis, dass Wasser nass sei und Dachlawinen oben beginnen. Klar gibt es diese zwei Gruppen, die Frage ist nur, ob man sie auch auseinanderhalten kann, wenn man zwischen Moos und Tannenwedeln steht und die eigene Lebenserung plötzlich nicht mehr ganz so relevant erscheint. Wer glaubt, die Natur lasse sich mit derselben Leichtigkeit lesen wie ein Werbeschild beim Billa, der hat die Rechnung ohne den Knollenblätterpilz gemacht. Der wartet nämlich höflich ab, bis die liebe Seele ein ganzes Pfund von ihm verspeist hat, und schlägt dann erst zu, wenn das Dessert schon verdaut ist.
Es gibt Menschen, die rufen dann panisch die Schwammerl-Hotline an, und es gibt andere, die gehen einfach weiterhin mit der Nachbarin in den Wald. Diese andere Spezies hat verstanden, dass das eigentliche Risiko nicht der Pilz ist, sondern die Vorstellung, man könne ihn erkennen, bloß weil man im Fernsehen einmal einen Krimi mit Tatort Münster gesehen hat. Pilze sind, botanisch betrachtet, die höflichste Form von Mörder, die der Wald zu bieten hat. Sie sehen freundlich aus, sie riechen erdig, und sie sterben gemeinsam mit dir, wenn du nicht aufpasst. Ein besseres Drehbuch schreibt kein Hollywood.
Wer trotzdem loszieht, sollte zumindest die Grundregel kennen, die da lautet: Wenn du nicht sicher bist, ob du einen Steinpilz oder einen Organschaden vor dir hast, dann lass ihn stehen, fotografiere ihn, und poste ihn auf einem sozialen Netzwerk deiner Wahl. Innerhalb von Minuten wird dir irgendein pensionierter Forstbeamter aus Kärnten erklären, dass das ein Maronenröhrling ist, und drei weitere Leute werden dir schreiben, dass du gerade einen Knollenblätterpilz in der Hand hältest und deine Leber sich schon bedankt. So funktioniert moderne Schwammerl-Bestimmung: durch demokratische Mehrheitsentscheidung überleben oder sterben.
Was bleibt, ist die wunderbare Erkenntnis, dass jeder Pilz in seiner Art einzigartig und sehr schön ist, solange man ihn nur anschaut und nicht in die Pfanne haut. Diese beneidenswerte Gelassenheit, die manche Mitmenschen an den Tag legen, ist vermutlich der einzige wirksame Schutz gegen sämtliche Naturgefahren zwischen Wien und Bregenz. Wer mit dem inneren Frieden eines tibetanischen Mönches durch den Wald spaziert, der wird weder von Zecken gestochen noch von Pilzen vergiftet, sondern lediglich von seiner eigenen Partnerin gefragt, ob er nicht langsam die Pilze holt, die er vor einer Stunde im Korb versprochen hat.
Am Ende des Tages bleibt nur die Frage, was wir aus alldem mitnehmen: Die Schwammerln wachsen weiter, der Mensch bleibt weiter ahnungslos, und die Knollenblätterpilze freuen sich auf einen weiteren goldenen Herbst mit treuen Stammkunden. Es lebe der Wald, es lebe die Würde des Nichtwissens, und es sterbe nur, wer es auch wirklich verdient hat. Schönen Sommerausklang, mit lieben Grüßen und einem guten Apotheken-Notruf gleich in der Tasche.