Sechzig Jahre. Drei Mal zwanzig. Sechs Mal zehn. Zwölf Mal fünf. Vierundzwanzig Mal zweieinhalb. Wer in der Mathematik des Landlebens mitzählt, weiß: Das ist kein Geburtstag mehr, das ist ein Denkmal mit Schnapsbeteiligung. Karl Langecker hat das Kunststück vollbracht, ein Alter zu erreichen, in dem die Knie beim Aufstehen Geräusche machen, die nach einer eingelegten Gurke klingen, und trotzdem noch der Mann zu sein, ohne den im Dorf angeblich gar nichts geht. Chapeau, möchte man sagen, wenn man nicht befürchten müsste, gleich zu einem Fest eingeladen zu werden, das um vier Uhr nachmittags beginnt und spätestens um neun endet, weil der Jubilar ja fit bleiben muss.
Der rüstige Pensionist ist nämlich Vorstandsmitglied im Petersklub. Was genau ein Petersklub ist, weiß außerhalb Oberpetersdorfs kein Mensch, aber drinnen ist es offenbar eine Mischung aus Geheimloge, Fußballverein und Großfamilie. Wer dort Mitglied ist, muss offenbar handwerkliches Geschick mitbringen, Verlässlichkeit vorzeigen und bei jeder Feier angetreten sein, als wäre die eigene Geburtstagsfeier eine Art Pflichtveranstaltung für die Dorfgemeinschaft. Wer das alles erfüllt, darf sich Eckpfeiler nennen, was klingt, als hätte man im Vereinsleben eine tragende Funktion, in Wahrheit aber vermutlich bedeutet, dass man beim Festl die Getränke von der Garage zum Tisch trägt.
Gefeiert wurde natürlich gebührend. Das ist im ländlichen Sprachgebrauch das Unwort schlechthin, weil es alles und nichts bedeutet. Es bedeutet: Es gab Leberkäse, es gab Kren, es gab Kartoffelsalat aus der Schüssel, und es gab Verwandte, die man seit der Firmung nicht mehr gesehen hat und die einen trotzdem umarmen, als wäre man gerade aus dem Krieg heimgekehrt. Kleine Aufmerksamkeiten gab es auch, was vermutlich bedeutet, dass jemand ein Kuvert mit ein paar Zwanzigern überreicht hat, woraufhin der Jubilar gerührt war, weil er das Kuvert später vermutlich öffnen und in eine Spardose stecken wird, auf der schon steht, wovon die nächste Vereinssause finanziert wird.
Burschenschaft und Petersklub feierten mit, was die Sache klanglich nicht gerade erleichtert. Man stelle sich vor: Sechs Jahrzehnte Lebenserfahrung, und der Lohn ist ein gemeinsames Fest, bei dem am Ende alle betrunken sind, aber niemand zugibt, wer zuerst angefangen hat. Der Jubilar sei immer mit Rat und Tat zur Stelle, heißt es. Das ist eine jener Floskeln, die in Vereinsnachrichten vorkommen wie das Amen im Gebet, und es bedeutet in der Realität meistens, dass er den Rasenmäher bedienen kann, bei der Kellertür die Scharniere ölt und bei der Weihnachtsfeier die Rolle des Weihnachtsmanns übernimmt, weil er als Einziger den Bart tragen kann, ohne dass die Kinder weinen.
Dass er große Wertschätzung genießt, versteht sich von selbst. Im Dorf ist Wertschätzung eine Währung, die bar bezahlt wird, und zwar meistens in Kuchen. Wer sechzig wird, bekommt so viele Torten, dass die Familie drei Wochen lang davon isst und der Kühlschrank danach klingt wie ein Getriebe mit Zahnradverlust. Dazu kommen Glückwünsche, von denen manche ehrlich gemeint sind und manche von Leuten kommen, die nur nachschauen wollen, ob der Nachbar vielleicht doch fünf Jahre jünger aussieht, was man dann aber nicht ausspricht, weil man ja zivilisiert ist und man sich nachher im Wirtshaus sowieso wiedersieht.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer in einem Dorf sechzig wird, der wird nicht älter, der wird Inventar. Karl Langecker ist jetzt offiziell Teil der Dorfausstattung, neben dem Kriegerdenkmal, der Dorfkapelle und dem einen Wirtshaus, in dem es noch Leberkäse gibt. Dass die Sache mit dem Roten Teppich in Oberpullendorf just am Tag danach über die Bühne geht, ist natürlich Zufall. Oder aber eine Nachricht des Schicksals, dass auch in Niederösterreichs Schwesterprovinz niemand dem anderen den Vortritt lassen will, wenn es darum geht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Die örtliche Bevölkerung weiß: Wer hier nicht mitfeiert, ist selbst schuld. Und wer mitfeiert, hat danach drei Tage Migräne und darf bei der nächsten Feier wieder anpacken. So geht das, Jahr um Jahr, Kerze um Kerze, bis hundert. Falls das jemand erleben will: Melden Sie sich beim Petersklub. Man nimmt immer gern neue Mitglieder, die mit Rat und Tat zur Stelle sind. Und mit Kuchen.